Igor Levit: Frederic Rzewski – Ein Komponist für die Revolution
„Links, emotional, radikal“ Der Amerikaner Frederic Rzewski war die Ausnahmegestalt in der zeitgenössischen Musik. Ein Gastbeitrag von Igor Levit.
„Es ist des Künstlers Aufgabe, die Gegenwart zu spiegeln, in der wir leben“, sagte einmal die große Nina Simone. Diese Worte bringen auf den Punkt, was es für mich bedeutet, Künstler zu sein. Und ich bin niemandem begegnet, der diesen Satz auch nur annähernd so gut mit Leben füllen konnte wie der Pianist und Komponist Frederic Rzewski.
Geboren 1938 in Westfield, Massachusetts, gehörte Rzewski zu den ikonischen Figuren der musikalischen Avantgarde. Neben David Tudor war er Pianist des Vertrauens von Karlheinz Stockhausen, mehrere seiner Werke führte er zum ersten Mal auf. Er war eng verwurzelt mit Morton Feldman, John Cage, Luigi Nono, Christian Wolff, Angela Davis, Pete Seeger und anderen Größen der musikalischen und der politischen Welt seiner Zeit. Dabei betrachtete er diese beiden Welten ganz und gar nicht als getrennt. Sondern als untrennbar – und er selbst war für diese Untrennbarkeit das beste Beispiel. Die Bürgerrechtlerin Angela Davis etwa wählte er nicht nur, als sie für die US-Präsidentschaft kandidierte; er widmete ihr mehrere Werke, tauschte sich mit ihr aus, unterstützte ihre Sache mit Musik. Gleiches gilt für Pete Seeger, einen seiner großen Helden, der ihn zur Komposition seiner North American Ballads inspirierte, welche mehrere Seeger-Songs zur Grundlage haben.
© Zeit Online, Kultur, Musik, 30.6.2021