Musiktipps

Keith Jarretts Köln Konzert oder Musikgeschichte auf dem falschen Instrument

Von Andreas Fasel (Welt). Vor 50 Jahren nahm der Pianist Keith Jarrett „The Köln Concert“ auf, eines der meistverkauften Jazz-Alben aller Zeiten. Angeblich ließ er sich vom Pausengong inspirieren – und der Flügel soll schrottreif gewesen sein. Doch sind das nur Legenden? Eine überraschende Entdeckung in Köln gibt Aufschluss.

Es muss pure Verzweiflung gewesen sein, die an diesem Nachmittag an den Nerven der jungen Konzertveranstalterin zerrte. Der von ihr gebuchte Saal war ausverkauft. Doch der Pianist Keith Jarrett, den sie engagiert hatte, saß im Auto und wollte abfahren. Also rannte sie zu ihm, riss die Autotür auf und redete auf ihn ein. Wobei: Besonders viel habe sie nicht gesagt, erzählt Vera Brandes heute, „mein Englisch war ja nicht so gut“. In ihrer Not habe sie kurzerhand auf ein paar Plattitüden zurückgegriffen, die sie bei Begegnungen mit dem Jazztrompeter und Bandleader Miles Davis aufgeschnappt hatte, der für seine rotzigen Ansprachen an seine Musiker berüchtigt war. Die 18-Jährige, damals noch Schülerin, flehte also den knapp 30 Jahre alten Jarrett an: „Keith, if you don’t play tonight, I’m gonna be truly fucked. And I know you’re gonna be truly fucked too.“



© Welt, 18.1.2025

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