„Wie ich Keith Jarretts Feind wurde“
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Was verlangt ein Genie wie der Pianist Keith Jarrett auf der Bühne? Stille und absolute Regungslosigkeit. Aber ein Publikum kann nicht still und unsichtbar sein.
Am neunten Juli besuchte ich ein Konzert von Keith Jarrett im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Ich war aufgeregt. Ich hatte ihn nie zuvor live erlebt. Der Held meiner Jugend, noch aus jener Zeit, als ich dachte, ich könnte vielleicht selbst ein großer Jazzpianist werden.
Als die Lampen gedimmt wurden, hörten die Geräusche im Saal auf. So zumindest hätte ich das Leiserwerden beschrieben, aber der Veranstalter kam auf die Bühne und erklärte uns, dies sei ein besonderer Abend, an dem sich das Publikum bitte so lautlos wie möglich zu verhalten habe. Man zeichne das Konzert auf, daher bitte keinerlei Geräusche, besonders während der leisen Stellen.
Als Nächstes kam Keith Jarrett. Er sah nicht sehr glücklich aus. Er trat ans Mikrofon und sagte: „Ich spiele nicht eine einzige Note auf diesem Klavier, bis die zwei Personen, die Fotos gemacht haben, das Gebäude verlassen haben!“ Unsicherer Applaus. „Sie, die neben diesen Personen sitzen, haben hiermit meine Erlaubnis, die betreffende Person zu nehmen und hinauszubegleiten. Ich warte derweil hinter der Bühne.“….
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