„Krankheit, Körper, Kapitalismus“ Die Unsterblichen von Anne Boyer

Die Diagnose lässt wenig Hoffnung: Anne Boyer ist an einer besonders aggressiven Form des Brustkrebs erkrankt. Die Ärzte machen ihr wenig Hoffnung zu überleben. Ab jetzt ist sie dem medizinischen Apparat ausgeliefert, einem System „distanzierter Grausamkeit“.

Also der Entscheidung von Menschen, die ihr das Leben retten wollen. Doch Boyer zweifelt. Bekommt sie wirklich die beste aller Behandlungen? Oder doch nur jene, an denen die Pharmakonzerne und das Krankenhaus am meisten verdienen? Immerhin, sie ist als Dozentin an einer US-Universität krankenversichert. Aber rasch sind die Krankheitstage verbraucht, die ihr zustehen. Also schleppt sie sich selbst in der härtesten Phase der Chemotherapie in ihre Vorlesungen. Sie als Kranke entscheidet nicht mehr – die einzige Wahl, die sie hat, ist, die Therapie abzubrechen. Und damit sicher zu sterben, allerdings mit deutlich weniger Verlust an Lebensqualität. Ihr Körper wird ihr fremd, sie muss lernen, nicht mehr auf ihn zu hören: „Als Nebenwirkung von dem, was sein Überleben verspricht, fühlt sich mein Körper an, als würde er sterben.“

Boyer überlebt. Aber die Verluste sind immens. Sie verliert ihre Brüste, Freunde, Erinnerungen, zeitweise den Spaß am Sex und ihre Intelligenz, die Chemo hat ihr Herz angegriffen und ihre Lebenserwartung gesenkt: „Ich bin nicht gestorben, oder zumindest nicht hieran.“ Sie hat die Krankheit überlebt – nun muss sie das Leben zurückgewinnen.

Anne Boyers Buch, für das sie mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, ist ein Erlebnisbericht, ein Essay über Krankheit und eine Anklageschrift. „Die Unsterblichen“ ist bei Matthes und Seitz erschienen.




© Bayern2, Nachtstudio, 14.9.2021

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