Mail Musik: Snowdrops – Missing Island / Injazero Records

Für Euch eine Musik aus meinem Postfach, welche mir ganz gut gefallen hat und damit stehe ich nicht allein. Richard Allen von „A Closer Listen“ hat sich dazu seine Gedanken gemacht und diese teile ich mit Euch.

Was ist die verschwundene Insel? Snowdrops tanzt um den Titel herum und berührt mehrere Themen: die Elemente, das Unbewusste, die Suche nach Bedeutung und Offenbarung. Am Ende ist die fehlende Insel offen für Interpretationen: das Stück, das uns vervollständigen könnte, wenn wir es nur finden könnten.

Das Album vereint die Qualitäten von Christine Ott, Mathieu Gabry und der Geigerin Anne-Irène Kempf. Ott, die für ihre Arbeit bei Ondes Martenot bekannt ist, spielt nun auch eine Handorgel. Die Musik ist erhaben, wobei Gabrys Klavier oft den Grundstein für die Expansion legt. In gleicher Weise strebt die LP nach einer tieferen Bedeutung und spiegelt das wider, was Rilke „die Geburtsstunde einer neuen Klarheit“ nennt. Die physischen Hände der Spieler konzentrieren sich auf ihre Instrumente, während sich ihre geistigen Hände nach dem physischen Kosmos und dem metaphysischen Himmel ausstrecken. „Firebirds“ klingt jenseitig, die Ondes Martenot wie ein Synthesizer, der den Ton einer wissenschaftlichen Séance erzeugt. „Nostalgia de la luz“, inspiriert von Patricio Guzmáns gleichnamigem Dokumentarfilm, stellt die Frage, ob es unangemessen ist, am Himmel nach intelligentem Leben zu suchen, während hier wenig zu finden ist. Die fehlende Insel ist vielleicht kein anderer Planet oder eine andere Spezies, sondern das Einfühlungsvermögen der menschlichen Rasse. Die Rührseligkeit der Akteure hebt diese melancholische Realität hervor, ohne Schuldzuweisungen zu machen.

Das abschließende Triptychon vergrößert und verkleinert sich. „Radioactive Breath“ unterscheidet sich, wie der Titel schon vermuten lässt, von allem bisher Dagewesenen: Das Stück beginnt mit Schlagzeug und Drone, zwei Elementen, die in den vorherigen Stücken fehlen. Der Effekt ist wie ein Nachspiel. „Comme un souffle qui vient…“ („Wie ein Atemzug, der kommt…“) setzt das Thema fort. Die Stücke funktionieren wie Yin und Yang, alternative Wege, die zu alternativen Ergebnissen führen. Während das erste Stück früh auf Schlagzeug verzichtet, setzt das zweite in der Mitte des Stücks Schlagzeug ein. Beide enthalten eine statische Ladung, aber das Dröhnen des letzteren ist eher organisch als elektronisch. Als nur noch ein Stück übrig ist, wechselt Ott zum Klavier, während Gabry sich auf den Synthesizer konzentriert – ein Zeichen von Anpassungsfähigkeit, das von der Bereitschaft zu Veränderungen zeugt, selbst wenn es schon zu spät ist: eine Eigenschaft, die uns allen zugutekommen könnte, wenn wir sie nachahmen würden. Wenn ja, könnten wir unsere fehlende Insel finden. Text: Richard Allen/ A Closer Listen


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