Man singt deutsh! Sprachen und Fremdsprachen im deutschen Pop. Von Jens Balzer.

Cooler, glamouröser, weltläufiger Pop wurde in Deutschland lange Zeit nicht auf Deutsch gesungen, sondern auf Englisch. In den 70er und weiter in den 80ern beginnt das Experiment mit der deutschen Sprache. Die besten Songs lassen dabei die eigene Sprache fremd werden und weisen den Weg zu einem anderen Bild von sich selbst.

Wann, tuu, zriee, forr, läts go. Eine Urszene des deutschen Pop: Ein junger Mensch steht vor einem Spiegel und versucht, die Posen einzuüben, die bei einem bewunderten Popstar abgeschaut wurden, die Coolness, den Glamour – und die Sprache: Denn cooler, glamouröser, weltläufiger Pop wurde in Deutschland lange Zeit nicht auf Deutsch gesungen, sondern auf Englisch. Die Einübung in die Riten der Popkultur hat hier immer auch bedeutet dass man sich in eine Sprache einzufinden versucht, die nicht die eigene ist. Als die Rockmusik in den Sechzigerjahren nach Deutschland kommt, singen die Bewunderer der Beatles und Rolling Stones auf Englisch, weil sie sich aus der Kulturtradition ihrer Eltern und aus deren Verstrickung in den Nationalsozialismus befreien wollen – das Singen in der Fremdsprache als Entnazifizierung.

Freilich wird schon im Schlager der Fünfzigerjahre in den verschiedensten Sprachen gesungen, die Texte sind durchsetzt mit italienischen, französischen, spanischen Wörtern und werden mit ebensolchen Akzenten vorgetragen: Die Wirtschaftswundergeneration ist vom Fernweh gepackt und lässt sich von Caterina Valente oder Vico Torriani nur zu gern nach Paris, Capri und Hawaii entführen. Dabei erschafft Valente in ihren besten Songs aus der Vermischung verschiedener Sprachen eine Art dadaistisches Patois – mit „Tipitipitipso beim Calypso“ beginnt in Deutschland die Lyrik der Postmoderne. In den Siebzigern wenden sich politische Liedermacher den vom Verschwinden bedrohten deutschen Dialekten und Mundarten zu, Sparifankal singen auf Bairisch und Knut Kiesewetter und Hannes Wader auf Plattdeutsch. In den Achtzigern und Neunzigern beginnen Bands wie F.S.K. und Blumfeld, auf Deutsch so zu singen, als wäre es eine Fremdsprache für sie. „Die guten Bücher sind in einer Art Fremdsprache geschrieben“, hieß es einst bei Marcel Proust. So ist es auch mit den guten Songs: Sie lassen die eigene Sprache fremd werden und weisen den Weg zu einem anderen Bild von sich selbst.



Am 17. Mai erscheint das Buch „Schmalz und Rebellion. Der deutsche Pop und seine Sprache“ von Jens Balzer im Dudenverlag.

© Bayern2, Nachtstudio, 17.5.2022

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