Zeit Online: Shabaka Hutchings „Kometeneinschlag im Yoga-Retreat“

Shabaka Hutchings ist die Schlüsselfigur des jungen UK-Jazz, bei ihm laufen viele Fäden und Projekte zusammen. Umso überraschender klingt sein introspektives Solodebüt. Eine Rezension von Aida Baghernejad.

Jazz ist eine eigene Subkultur. Jazz funktioniert über seine eigenen Medien, seine eigenen Radiosendungen, seine ganz eigenen Strukturen. Auch deshalb bringt er nur selten Projekte wie Afrikan Culture hervor, das Solodebüt des Londoner Multiinstrumentalisten Shabaka Hutchings. Gerade in Europa haftet Jazz oft etwas Klüngelhaftes an, das sich aus seiner Prägung durch Konservatorien und Institute ergibt. Hutchings‘ neuste Arbeit, veröffentlicht nur unter seinem Vornamen, erscheint vollkommen unberührt davon, ein eigenes, in sich gekehrtes Ding. Zugleich schlägt es Töne an, die den Künstler auch von jener Jazzbewegung wegführen, die sich Ende der Nuller- bis Mitte der Zehnerjahre in London auch um ihn herum konstituierte. Gerade nicht an prestigeträchtigen Schulen, sondern auf Clubbühnen und in den Pubs im Süden und Osten der britischen Hauptstadt.



Schon das Publikum dort sah nicht aus, wie man sich ein europäisches, meist älteres, männliches, weißes, Schiebermütze tragendes Jazz-Klientel vorstellt. Es war jung, genau wie die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne. Genregrenzen? Interessierten nicht. Jazzdünkel? Erst recht nicht. Synthiesphären trafen plötzlich auf energische Blasinstrumente, Hip-Hop spielte ebenso eine Rolle wie britische elektronische Tanzmusik. Der Drummer Moses Boyd ging aus dieser Szene hervor, die Saxofonistin Nubya Garcia oder das kurzlebige, aber doch stilprägende Duo Yussef Kamaal. Und dann eben Shabaka Hutchings. 



© Zeit Online, Kultur, Musik, 20.5.2022

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