Marcel Proust: Die Entflohene (2/2): Gilberte – Venedig – Robert

Vor 100 Jahren, am 18. November 1922, starb in Paris der Romancier Marcel Proust. Seinen auf sieben Bücher angelegten Zyklus „À la recherche du temps perdu“ konnte er nicht vollenden, die letzten drei Bände erschienen posthum.

Nachdem Albertine zufällig bei einem Reitunfall stirbt, verschieben sich im 2. Teil des Hörspiels die Perspektiven der Protagonisten. Marcels Eifersucht jetzt von der Trauer um den Tod der Geliebten relativiert und das schmerz- wie lustvolle Vergessen Albertines zum Thema seiner Gedanken.

Wie soll er die vergangene, die verlorene Zeit in der Erinnerung wieder heraufbeschwören? Sex mit der Freundin Andrée ist kein Ausweg. Marcel begegnet per Zufall seiner Jugendliebe Gilberte, die er nicht sofort erkennt. Sie ist die Tochter des verstorbenen jüdischen Kunstliebhabers Charles Swann mit der Kokotte Odette und trägt nun einen adligen Namen. Das gesellschaftliche Maskenspiel homo- wie heterosexuellen Begehrens beginnt in neuem Gewand.

Das Spiel mit seinen schönen wie gefährlichen Seiten enttarnt Proust gnadenlos wie aufklärerisch und nicht zuletzt komisch; es spiegelt sich im Venedig-Besuch mit Marcels Mutter und der bisexuellen Ehe, die Robert de Saint Loup und Gilberte eingehen und die Marcel am Ende nach Tansonville  führt. Der Ort liegt in der Nähe von Combray und ist mit der Landschaft seiner Kindheit und Jugend verknüpft.

Die Textgestallt des posthum erschienenen 6. Band der „Recherche“ wird immer wieder diskutiert, u.a. durch eine Fassung aus dem Nachlass, die unter dem Titel „Albertine disparu“ erschienen ist. Das Hörspiel nutzt die 2016 im Reclam Verlag erschienene deutsche Übersetzung von Bernd-Jürgen Fischer, die im Wesentlichen auf der „klassischen“ Proust-Gesamtausgabe der Bibliothèque de la Pléiade des Verlags Gallimard beruht. Hier firmiert der 6. Band unter dem altbekannten Titel „La Fugitive“, der mit „Die Entflohene“ übersetzt wurde. 



Marcel Proust: Die Entflohene (2/2): Gilberte – Venedig – Robert
Hörspielbearbeitung: Manfred Hess und Hermann Kretzschmar
Musik: Ensemble Modern
Komposition: Hermann Kretzschmar
Regie: Ulrich Lampen
Produktion: SWR/DLF 2022 – Premiere

SWR 2, Hörspiel, 26.11.2022

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