Paranoide Sprechblasen – Kleine Kulturgeschichte des Comics
Von Georg Seesslen
Als David Bowie noch so etwas wie ein dandyhafter Post-Kinks-Folk und -Pubsänger werden wollte, erzählte er in einem seiner Songs vom unbotmäßigen Onkel Arthur, dessen Außenseiter- und Philosophen-Status durch eine schlichte Liedzeile bestätigt wurde: »Uncle Arthur still reads comics«. Wer erwachsen geworden ist, irgendwie, und immer noch Comics liest, ist entweder kindisch, ein Nerd – oder paranoid. Oder er ist einer wie Onkel Arthur, den David Bowie zum Glück nie vollkommen überschminkt hat.
Comics sind widerspenstig, so fängt das an. Die Geschichte der Comics ist die Geschichte ihrer vergeblichen Zähmung. Genauer gesagt: Alle Zähmungsversuche haben immer wieder nur neue Schübe der Paranoia oder der Rebellion hervorgebracht, wie man es nimmt.
Späteren Affirmationen zum Trotz waren am Beginn ihrer Entwicklung die Comics wirklich das, wovor unsere Lehrer uns immer gewarnt haben: übelste Sprachverhunzungen, Frontalangriffe auf Grammatik und Orthographie. Und so was von gewaltverherrlichend, Hau’ mich um! The Katzenjammer Kids oder Popey The Sailor Man sprachen das Englisch von unbekümmerten Einwanderern und Überlebenskünstlern: »Vott’s der matter wit sauce kids?« Oder nehmen Sie Krazy Kat. Wie kann man ein Wesen nennen, das dem Auge des Gesetzes, das so unsterblich wie blind in es verliebt ist, bei jeder Gelegenheit einen Ziegelstein an den Kopf pfeffert?
»Wenn Comics nicht paranoid sind, braucht man sie eigentlich nicht.«
Machen wir uns nichts vor. Heldinnen und Helden der frühen Comics sind schwer gestörte, gewalttätige und anpassungsresistente Egomanen oder, in den gehobenen Ständen, Traumfahrer und Nachwuchspsychotiker wie Little Nemo.
© Spex, 10. Februar 2016, Georg Seesslen