Release Date 15./16.9.2022. Musik von V.A. CLAP, Al-Qasar, Marc Baron & Jean-Philippe Gross, Dekatron und zeitkratzer

Wir kratzen mit zeitkratzer an der Musik von Alvin Lucier, hören elektronische Musik von Dekatron, werden mit manipulierten Tapes von Baron & Gross ordentlich durch geschüttelt um danach mit der Musik von Al-Qasar zu Grooven. Was ist Applaus? Dazu haben sich viele Musiker Gedanken gemacht.


V.A. CLAP. An Anatomy of Applause / Unsounds 69U

CLAP. An Anatomy of Applause ist eine Kompilation von Originalstücken einer Gruppe von Musikern und Komponisten, die von Andrea Stillacci und „Unsounds“ zusammengestellt wurde. Ziel des Projekts ist es, die radikal unterschiedlichen Formen und Bedeutungen, die der Klang des Applauses je nach Kontext annehmen kann.



Das Prinzip bestand darin, mit Originalaufnahmen nach Wahl der Künstler zu arbeiten, wobei die Quellen vom tosenden Applaus bei MariaCallas‘ letztem öffentlichen Auftritt bis hin zum Jubel der Menschenmenge beim Fall der Berliner Mauer reichen, und diese in musikalische Kompositionen umzusetzen. Kurze Notizen der Künstler kontextualisieren die Originalklänge, die sie als Ausgangspunkt und Motivation für ihr Stück gewählt haben. Die Künstler auf diesem Album repräsentieren eine Vielzahl von Stilen und Praktiken innerhalb der experimentellen Bereiche, an der Schnittstelle zwischen den künstlerischen Visionen des Kurators und des Labels. Die Teilnehmer haben sich in einem umgekehrten Akt der Wertschätzung mit der Dynamik, der Maserung und dem Pathos des Applauses auseinandergesetzt. Diese Werke sind in dem Album vereint, da sie mit ganzem Herzen auf die Stimme des Publikums reagieren. Ein Dialog, der eine lebendige Kraft bleibt: Eine Verbindung des Publikums mit den Künstlern und umgekehrt.

Eraldo Bernocchi, Maurizio Bianchi, Barbara Ellison, Terence Hannum, Ji Youn Kang, Fani Konstantinidou, Yannis Kyriakides, Andy Moor, Moor Mother, Massimo Pupillo, Robin Rimbaud (Scanner). © Text: Label



AL-QASAR – Who Are We? / Glitterbeat Records GBCD130

Das Debütalbum des nahöstlichen Psych-Rock-Kollektivs Al-Qasar ist eine explosive Mischung aus schweren arabischen Grooves, globaler Psychedelia und nordafrikanischer afrikanischer Trance-Musik. Die Band nennt es „arabischen Fuzz“. Unverfroren, elektrisch und erdverbunden. Zu den Gästen gehören Lee Ranaldo (Sonic Youth) und Jello Biafra (Dead Kennedys).

Wenn Kontinente aufeinander prallen, entsteht ein donnerndes Geräusch. Al-Qasar schaffen auf ihrem Debütalbum „Who Are We?“ den Soundtrack zu dieser Spaltung. Es ist Musik für eine Welt im Umbruch, deren Vorfahren tief in der Vergangenheit liegen, die aber auch erst im 21. Jahrhundert geboren werden konnte. Arabian Fuzz nennen sie es, eine Vision, die unverschämt elektrisch und tief mit ihren Wurzeln verbunden ist. Aber sie hatte einen eindeutigen Ausgangspunkt.

„Al-Qasar wurde im Pariser Stadtteil Barbès geboren“, erklärt Bandleader Thomas Attar Bellier. „Ich habe in Los Angeles, Paris, New York und Lissabon gelebt. Ich wollte ein Projekt ins Leben rufen, das mit dem täglichen Leben der Menschen in diesen internationalen Städten in Verbindung steht, etwas Vielfältiges, radikal Buntes, mit einem frischen, zeitgenössischen Blick auf das, was die Gesellschaften heute wirklich ausmacht“.
Die Musiker kamen zusammen, aus Frankreich, Marokko, Algerien, Ägypten und den Vereinigten Staaten. Es folgten Auftritte, zunächst in Frankreich, dann in Europa und im Nahen Osten. Sie brachten eine EP heraus, die viel gelobte Miraj, die in Kairo aufgenommen wurde. Im gleichen Zeitraum arbeitete Attar Bellier mit Künstlern wie Emel Mathlouthi und Dina El Wedidi zusammen, zwei der aufregendsten Namen der zeitgenössischen arabischen Musik. © Text: Label



Marc Baron & Jean-Philippe Gross: Black, Pink and Yellow Noises / CD Eich

Black Pink & Yellow Noises ist das erste Studiowerk des 2018 gegründeten Duos von Marc Baron und Jean-Philippe Gross.
BP&YN präsentiert sich als eine Suite aus zwanzig kurzen Stücken für Tonband und Elektronik, die sich gleichermaßen der konkreten Musik wie dem experimentellen Hip-Hop der letzten Jahre verdanken. Dieses Album ist ein Block spannungsgeladener Klänge, manchmal roh, manchmal extrem zerbrechliche Aufnahmen aus dem Studio, bis hin zur brutalen Präsenz eines elektronischen Klangblocks, eines beschädigten Magnetrestes oder Bandschleifen, von denen man nie genau weiß, ob sie sich wiederholen. Black Pink & Yellow Noises ist vor allem ein Album von Klangliebhabern, die bestimmte Materialien offenlegen, bevor sie sie sofort wieder entfernen, anstatt sie zu verwerten. Komponiert und bearbeitet zwischen 2021 und 2022, von Marc Baron und Jean-Philippe Gross. © Text: Label



DEKATRON: IV / MC Verlag System

Dekatron ist ein elektronisches Duo, das 2013 zwischen Iván Sentionaut, einem der Mitglieder des kultigen elektronisch-kosmischen „We are the Hunters“, und Miguel A. Ruiz, einem wahren Pionier der spanischen elektronischen Underground-Musik seit den frühen achtziger Jahre, der seit diesem Jahrzehnt unter seinem Spitznamen Orfeón Gagarin auftritt und kürzlich mit Michel des Airlines seine eher elektronische/ sequentiellen Seiten wiederfand.

Mit Dekatron 4 kehrt das Duo zu seinen Anfängen zurück und findet seine Lust an der Erforschung des Universums und einen unvermeidlichen elektronisch-psychedelischen Charme, der uns in die 70er Jahre zurückführt. Auf dem Album finden sich auch Soloalben und parallele Projekte aus den Karrieren der beiden Musiker wie Orfeón Gagarin, FuneralSouvenir, Zytospace, Michel des Airlines, Lazharus, We Are the Hunters und Sentionaut auf demselben Plattenlabel. © Text: Label



zeitkratzer – Alvin Lucier / Karlrecords

ALVIN LUCIER (1931 – 2021) war einer der einflussreichsten amerikanischen Minimalisten. Manche bezeichnen ihn als „Klangmediziner“, da seine Kompositionen oft auf akustischen Untersuchungen beruhen. Seine Stücke neigen dazu, die Eigenschaften von Raum und Instrumenten auf den Kopf zu stellen: Gedichte, die auf akustischen Gegebenheiten basieren! zeitkratzer arbeitete 2008 mit dem Komponisten in Dijon, Frankreich, zusammen und präsentierte seine Musik an verschiedenen Orten. Diese Aufnahmen wurden in der Philharmonie Luxembourg realisiert, die sich als idealer Ort für diese Musik erwies. Auf diesem Album kann man hören, wie LUCIER zeitkratzer in die Lage versetzt, Klänge zu erzeugen, die die viele Menschen noch nie gehört haben. Klingende Obertöne, ein singendes Klavier, eine aufregende Triangel, Bleistifte auf kleinen Gegenständen, und wie irritierend ein Violoncello, eine Bratsche und ein Klavier zusammen klingen können und dabei wechselnde Klanginterferenzen erzeugen. Eine Klangphänomenologie, die ein sinnliches Hörerlebnis hervorruft. © Text: Label



„Anatomie des Beifalls“ Das ist eine Kompilation über den Applaus und wenn ich mich an meine letzten Konzertbesuche erinnere, dann wird mir bange. Selten waren diese Konzerte ausverkauft, eher im Gegenteil. Zu den Jazzkonzerten jedenfalls waren es oft wenige oder sehr wenige Besucher. Wie gestern zum Konzert des Vincent Meissner Trios. Wir waren zu 8! Und das Konzert war richtig gut. Das ist eine unheimliche Situation. Um so wichtiger ist diese Compilation, die es momentan nur als LP gibt. Hört sie mit bedacht!

Richard Allen von A Closer Listen bringt gerade heute ein Review zu dieser Compilation heraus, wir sind also fast zeitgleich und er fasst es folgend zusammen:

Diese Compilation erinnert daran, dass die Pandemie die Zahl der Beifallsbekundungen weltweit reduziert hat: ein Verlust, den viele vielleicht gar nicht bemerkt haben, aber dennoch ein Verlust, den CLAP: An Anatomy of Applause“ in den Vordergrund rückt. Man kann zwar alleine klatschen, aber die Erfahrung des Massenapplauses verbindet die Menschen, in Trauer und in Freude.


Irgendwie klingt Al-Qasar wie die rockigere Ausgabe von Tinariwen, um es mal verkürzen. Illustre Gäste wie Lee Ranaldo, Jello Biafra machen sich natürlich immer gut und sind gute Zutaten zur Musik. Eine interessante Variante des Wüstenrock.

Marc Baron & Jean-Philippe Gross gehen da mit ihren manipulierten Bandschleifen, Fundstücken ungleich weiter und sind eher für wache und neugierige Ohren gedacht. Überraschungen sind dort auf jeden Fall zu erwarten und von dem Gebrauch von Kopfhörern ist abzuraten. Ich hatte jedenfalls viel Freude beim Hören!

Mit elektronischer Musik ist das immer so eine Sache. Ich höre diese Musik seit Klaus Schulze, Tangerine Dream und Co., was faktisch bedeutet, dass ich immer etwas in dieser neuen Musik höre, was mich an frühere Musik erinnert. Was allerdings nicht bedeutet, dass ihr die Musik von Dekatron nicht hören sollt. Ganz im Gegenteil.

„eine narrativ verzahnte Sache, die auch für Nichtakademiker einen gediegen einfachen Einstieg in das Werk Lucier’s bildet. … Die dargebotene Qualität ist auf höchstem Niveau, die Umsetzungen mehr als überzeugend. Obskurika wie das Werk »Silver Streetcar For The Orchestra« für eine verstärkte Triangel oder »Opera With Objects« für resonant vibrierende Objekte auf einem Tisch zeugen von einer humorvollen Annäherung an Ernste Musik, sowie einer geradezu seriösen Unterweisung in Jahrhundertthemen wie minimale Musik und die traditionelle Arbeit mit Score-Anweisungen. Hut ab. 5/5“

AEmag, Wien, 11/2010

Zu zeitkratzer und der Musik von Alvin Lucier muss ich hier nicht mehr viel schreiben. Jetzt erscheint das ganze als LP und diese ist hier zu beziehen. Die digitale Variante gibt es natürlich immer noch und diese ist, selbstverständlich, eine unbedingte Empfehlung!

Ich hoffe, dass Euch dieses Querbeet hören genauso viel Freude wie mir macht. Kommentare dazu sind ausdrücklich erwünscht.

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