Soundexpedition: Release Date: 27.5.2022.

Musik von Martin Taxt, MINIATURa, Michael Francis Duch, Philipp Rumsch Ensemble, Propan, The Diish. Das einzige, was diese Veröffentlichungen verbindet, ist ihr Release Datum: 27.5.2022.


Das alles gebe ich mal ungefildert in der ganzen Bandbreite an Euch weiter. Nur die Texte der Recordlabels mit ihren Waschzetteln und zum Schluß gibt es noch ein oder paar Sätze von mir. Viel Spass beim Entdecken!


Martin Taxt – Second Room / Sofamusic

Second Room ist das zweite Album von Taxt in einer Reihe von Arbeiten, die mögliche Beziehungen zwischen Musik und Architektur. In diesem Werk für Altsaxophon, zwei mikrotonale Tuben, Kontrabass, Kirchenorgel, Handglocken und modulare Synthesizer lässt er sich von dem japanischen Architekten Sou Fujimoto und seinen Ideen über verschiedene Wohnkonzepte inspirieren.
In einer Vorlesung an der Harvard University im Jahr 2011 stellte Fujimoto einen Vergleich zwischen dem Nest und der Höhle an, zwei grundlegend verschiedenen Konzepten des Wohnens. Während das Nest für Sicherheit, Konformität und Vorhersehbarkeit steht, also für einen Raum, der für den Menschen geschaffen wurde, repräsentiert die Höhle auf der anderen Seite das Unbekannte, einen natürlich geformten Raum, der nicht für den Zweck des Wohnens konzipiert ist. Es kann unangenehm sein, die dunkle Höhle zu betreten, aber wenn man einige Zeit darin verbringt, kann man sich allmählich an den Raum gewöhnen. Indem wir unser Konzept von Raum und die Beziehung zwischen Raum und menschlichem Körper überdenken, werden wir schließlich verschiedene Funktionen innerhalb der Höhle entdecken und neue Funktionen in den bereits gestalteten Raum einbringen.



Ein Rastersystem mit 36 Tonhöhen war der Ausgangspunkt des Kompositionsprozesses. Ich stellte mir das Raster als eine Höhle vor und legte 3 verschiedene Wege durch das Raster, als ob ich die Höhle erforschen würde. Diese drei Melodien wurden zum Grundriss dieser Komposition.
Bei ‚Disruption, disjunction, deconstruction‘ erkunden die Musiker erforschen die 36 Tonhöhen unabhängig voneinander, als ob sie, um Fujimoto zu zitieren ihre eigenen kleinen Lieblingsplätze innerhalb der natürlichen Höhle suchen.


Michael Francis Duch – mind is moving (IV) by Michael Pisaro​-​Liu / Sofamusic

mind is moving (IV) ist Teil einer Reihe von Stücken, die Michael Pisaro-Liu komponiert hat. Es ist eine Sammlung von 60 Klängen für den Kontrabass, und jede Aufführung kann zwischen 30 und allen 60 Klängen der Partitur enthalten, die in beliebiger Reihenfolge gespielt werden können. Es gibt einen Ton pro Minute, und alle werden pizzicato und im Allgemeinen weich gespielt. Nach dem Spielen des Klang sollte der Ausführende seine Position so lange wie möglich halten, bevor er den bevor er den nächsten Ton spielt, wobei er den Ton so lange wie möglich nachklingen lassen sollte.


Zwei Mönche stritten sich über eine Fahne.
Der eine sagte: „Die Fahne bewegt sich.“
Der andere sagte: „Der Wind bewegt sich.“
Der sechste Patriarch kam zufällig vorbei. Er sagte zu ihnen: „Nicht der Wind, nicht die Fahne; der Geist bewegt sich.“


Das Koan, das den Titel dieser Reihe inspiriert hat, gibt uns eine Idee, wie wir uns diesem Stück nähern können, sowohl als Zuhörer als auch als Interpret. Worauf hören wir? Dem Bass, dem Abklingen der gespielten Töne oder den Hintergrundgeräuschen? Der Klang ist in Bewegung, und wir beobachten den Prozess des Entstehens und Vergehens (Abklingens) eines jeden Klangs und natürlich den leeren Raum zwischen den einzelnen Klangereignissen. Im Zen wird dies als Ma bezeichnet.



Obwohl es sich um ein frühes Stück von Pisaro-Liu (1996) handelt, wird es nur selten aufgeführt und wurde bisher noch nicht aufgenommen. Diese Aufnahme fand im August 2019 im Nidaros-Dom in Trondheim statt. Wie bereits erwähnt, hat das Stück an sich keine Erzählung, da die Klänge in beliebiger Reihenfolge gespielt werden können und die Hälfte von ihnen weggelassen werden kann. Dennoch schafft der Interpret eine Erzählung, wenn er es interpretiert und spielt.
Es gibt noch eine weitere mögliche Erzählung, die man sich anhören kann. Das Stück wurde in einem Take um Mitternacht aufgenommen, und standardmäßig wurde eine Stunde Klang aus dem Inneren der Kathedrale dokumentiert, die eine parallele eigene Geschichte erzählt.


MINIATURa – Geometría Prohibida / Keroxen

Melancholischer Energieschub von Gran Canarias Kult-Trio, MINIATURa, unter der Leitung von Eduardo Briganty.

Die Band wurde 2007 in Las Palmas gegründet und hat bereits drei Alben Music Box (2007), La Huida Concéntrica (2012) und
Estrategias de Perdición (2015) veröffentlicht. Nun legt das Trio nun sein viertes Album vor.
Es ist eine Mischung aus Brigantys eigenen musikalischen und künstlerischen Einflüssen. Welche auch wie eine Referenz an die Sountracks von David Lynch klingen, dabei aber nach einen depressiven oder wütenden David Lynch.



Geometría Prohibida (Keroxen) präsentiert sich wie ein Statement der Band, eine Kristallisation der Intentionen der Band mit einer prägnanten und präzisen 26-minütigen, meisterhaft produzierten Musik, die man von vergangenen Giganten wie Joy Division, Neu! oder Scott Walker erwarten würde.


Philipp Rumsch Ensemble – µ: of transfiguration x resonance / Nynode Intermedia

Im April 2020 – als die Covid-19-Pandemie Europa zum ersten Mal traf – hatten der Leipziger Komponist, Pianist und Sounddesigner Philipp Rumsch und sein zwölfköpfiges Ensemble den Finger am Puls der Zeit, als sie ihr Konzeptalbum „µ: of anxiety x“ veröffentlichten. Aufgenommen unter anderem mit einer speziellen binauralen Aufnahmetechnik, die eine dreidimensionale wurde das Album von Electronic Sound, BBC, NDR und vielen anderen gelobt. Außerdem sicherte die Veröffentlichung der Band die Anerkennung als eines der aufregendsten großen Ensembles in Europa.

Knapp zwei Jahre später erblickt die überarbeitete EP µ: of transfiguration x resonance endlich das Licht der Welt erblicken. Vier Künstler / Kollektive betrachten das Material des Albums aus verschiedenen Blickwinkel, indem sie das Kernmaterial dekonstruieren und neu zusammensetzen. Die prestigeträchtige Besetzung besteht aus Musikern und Klangkünstlern aus dem kreativen Umfeld der Ensembles.



Mit „µ: of transfiguration x resonance“ gelang es allen beteiligten Künstlern eine homogene Veröffentlichung zu schaffen, die dem Album in nichts nachsteht – trotz unterschiedlichster ästhetischer und konzeptionellen Ansätzen.
Die vier Tracks oszillieren zwischen Klang Klangkunst und Kammermusik, zwischen schwebenden Ambient-Strukturen und konkreten Beats, zwischen Remix und Rekomposition. Was jedoch allen Stücken gemeinsam ist die Reflexion über das danach – die Transformation, die Abschwächung und das neu entstehende – alles aus der Vergangenheit erwachsen. Die EP schließt sowohl den µ-Zyklus des Ensembles ab, nimmt aber auch neue Dinge vorweg.


PROPAN – Swagger / Sofamusic

Propan wurde 2011 von den Sängerinnen Ina Sagstuen und Natali Abrahamsen Garner gegründet. Sie haben zahlreiche Tourneen Japan, Australien, USA und Europa. Swagger ist ihre vierte Veröffentlichung, nach Baby (Va Fongool 2016), Trending (SOFA 2019) und Loom (GLARC 2022).

In ihrer neuen Komposition Swagger erweitert das Osloer Gesangsduo Propan seine gewohnte Klangpalette mit mit Hilfe eines achtköpfigen Ensembles aus Streichern, Bläsern, Perkussion, Stimmen und Elektronik – ein Ensemble mit dem Namen Propanions.

Swagger kombiniert vorgefertigte und improvisierte Inhalte und bewegt sich zwischen dem sanften Klang von Stimmgabeln, ungeraden Beats, kuriosen Texten Text, verspielten Melodien und Geräuschtexturen, was zu einem exzentrischen Stück mit eindeutigem Charakter – eine eklektische Manifestation des elektroakustischen Universums des Duos.



Swagger wurde 2016 von Femme Brutal, einem feministischen Booking- und DJ-Kollektiv, in Auftrag gegeben. Die Weltpremiere des Stücks fand im Osloer Parkteater im Rahmen des FemmeBrutal Festivals 2016 uraufgeführt. Die Originalpartitur enthielt choreografische Bewegungen, die live von Musikern ausgeführt werden, und ein detailliertes Lichtdesign.


The Diish – Slaps Combo / MFZ Records

Slaps Combo besteht aus 45 Minuten kompromisslosen Techno-Ambient und dekonstruierter Clubmusik auf 8 Tracks. Wo wir gerade bei der Atmosphäre dieser Sammlung sind, Giancarlo Trimarchi aka The Diish, Musiker und Tontechniker aus Sizilien, der der 2019 sein neues Soloprojekt gestartet hat.

Diese Kompositionen sind das Ergebnis spezifischer sequenzieller Strukturen, die in einem Zustand intimer häuslicher Stille entstanden sind. Was die Emotionen anbelangt, so oszillieren sie zwischen zwischen den gegensätzlichen, aber komplementären Begriffen von Verlust und Geburt.

Giancarlo Trimarchi


Slaps Combo lädt ein zu einer Reise der Erinnerungen an die Vergangenheit und Gegenwart ein, ein Klang für die nie endende Suche nach Licht.



Mein Favorit aus allen wäre Martin Taxt und sein Second Room. Allein die Ideen des japanischen Architekten Sou Fujimoto über verschiedene Wohnkonzepte sind mehr als inspirierend. Und musikalisch passt das alles auch zusammen. Das wäre mir auch ein Einzel Review wert. Eine sehr herausfordernde und eigene Musik.

Die Vokalausflüge des Duos Propan waren eine Neuentdeckung und in diese werde ich auf jeden Fall nochmal reinhören müssen. Dieses Gesangsduo mit der Erweiterung um 8 Musiker:innen geht hier ganz eigene, überraschende Wege. Hier komme ich mit Worten nicht weiter 😉

Leider waren bis heute beide Releases von Martin Taxt und Propan auf Bandcamp noch ohne Musik und der Möglichkeit diese zu kaufen. Sobald das geht, werden die Links dazu aktualisiert.

Dagegen ist Michael Francis Duch’s Interpretation von Michael Pisaro-Liu’s „mind is moving (IV)“ eine Herausforderung der besonderen Art. Wie so oft bei den Kompositionen von Michael Pisaro-Liu geht es hier um Stille, Meditation über das Wesen des Klanges an sich. Diese Art der musikalischen Darbietung ist an sich schon ein Wagnis und wer sich darauf einlassen kann, wird dabei nur gewinnen.

Das Philipp Rumsch Ensemble gleitet mittlerweile fast in die Grenzbereiche des Pop. Dafür muss es aber auch das Greenhouse Studios in Reykjavík sein 🙂 . Mit „Echo“ von Jana Irmert kann ich noch am meisten etwas anfangen, alles in allem halte ich die Musik von Philipp Rumsch für überbewertet. Hier gibt es auch die Auflistung, wo die mitmachenden Musiker überall schon mitgespielt haben. Etwas, das ich oft auf den Waschzetteln lese und was für mich, keinen Sinn macht. Außer dass ich noch besser höre, warum mir etwas „bekannt“ vorkommt.

Bleibt noch MINIATURa und da muss ja auch der Verweis auf Krautrock 😉 reinpassen, neben Joy Division, Neu! oder Scott Walker. Ich lese das alles, höre die Musik und denke: aha! Bei The Diish geht es noch weiter auseinander.

Wie ihr hören und lesen könnt, ist die Bandbreite enorm und das waren bei weiten nicht die meisten Releases für einen Tag. Die Chance etwas Neues zu entdecken ist immer gegeben, für alles andere hilft nur die Del-Taste. Und was denkt Ihr dazu?

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