SZ Jazzkolumne: „Weg in die Freiheit“ Von Andrian Kreye

Auf dem Album „A Love Supreme – Live in Seattle“ hört man, wie sich John Coltrane von allen musikalischen Fesseln befreite.

John Coltranes „A Love Supreme“ gehört zu jenen universalgültigen Musikstücken, die man ins All schicken könnte, um etwaigen Außerirdischen zu beweisen, dass die Spezies Mensch durchaus zu Höherem fähig ist, als sich auf Taschenrechnern zu beschimpfen oder die hauchdünne Atemhülle ihres Planeten mit Verbrennungsmotoren zu überhitzen. Coltrane sagte selbst, dass er mit seinem Schlüsselwerk von 1965 den Kontakt zu Kräften suchte, die jenseits unseres Planeten zu Hause sind. Das war quasi ein Akt interstellarer Diplomatie. Noch besser als auf dem Originalalbum hört man das auf dem Album „A Love Supreme – Live in Seattle“ (Impulse), das in dieser Woche erscheint. Darauf ist erstmals eine Aufnahme seiner vierteiligen Suite aus dem Penthouse Club in Seattle zu hören, die er nur selten live spielte. An diesem Abend im Herbst 1965 aber öffnete er sie in neue Richtungen, die sich auf dem Studioalbum nur andeuteten. Dabei war das Original schon ein Start in neue Sphären, der bis heute nichts an Wirkung verloren hat…

… Leicht macht es einem dieses Album nicht. Wer Coltranes Modernismus von „My Favorite Things“, die Brillanz von „Giant Steps“ oder gar die Melancholie seiner Session mit Duke Ellington sucht, ist auf der falschen Spur. Wer aber wissen will, wie Coltrane von der spirituellen Tiefe von „A Love Supreme“ zur Entfesselung von „Interstellar Space“ und dem „Concert in Japan“ kam, findet hier die Erklärung.



© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 18.10.2021

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