Ultraschall-Festival 2023 : Erzengel Gabriel und ein heiliger Lärm

Von Gerald Felber. Selbstironie schlägt plakative Belehrung: Berlins „Ultraschall“-Festival für neue Musik beschreibt die Gefahren ästhetischer Überbietung und die Mittel dagegen.

Die Kulminationen in Stefan Prins’ „inhabit_inhibit“ sind zuerst körperliche Erfahrungen. Da gibt es Tiefton-Walzen, die direkt durch Knochen, Adern und Eingeweide schlagen; und am anderen Ende des Klangbandes Schrill- und Kreischfrequenzen, die durch Gehörgänge und -nerven direkt unter die Schädeldecke diffundieren, um diese ein weniges anzulupfen.

Kein Entkommen: die Musiker des von Max Murray koordinierten Ensemblekollektivs Berlin kreisen die zur Raute geordneten Zuhörer von allen Seiten ein. Einmal nähern sich Bassflöte, -oboe, -klarinette und Baritonsaxophon dem zentral postierten Flügel, um dessen Resonanzboden nicht nur anzublasen, sondern mit ihren Instrumenten auch, wie in einem elektroakustischen Massenbegattungsritual, direkt in diesen hineinzustoßen zu einigen jener Mikrofone und Kontaktstellen, auf deren Rückkoppelungseffekten der heilige Lärm der Fünfzig-Minuten-Komposition, live-elektronisch kompiliert und ausgeworfen, wesentlich basiert.



© FAZ, Feuilleton, 23.1.2023



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