„Wer will schon regiert werden?“ Vom prekären Charme der Anarchie. Von Beate Meierfrankenfeld

In der Corona-Pandemie regelte der Staat sehr persönliche Dinge: wen man wo treffen, wohin man reisen, wie man arbeiten durfte. Regiert zu werden, wurde ein Alltagsgefühl, das nicht gut zu unserer Vorstellung passt, selbstbestimmte Individuen zu sein.

Wie viel Staat, wie viel Regierung und wie viel Zwang verträgt dieses Selbstbild? Herrschaftsfreie Verhältnisse sind eine große Utopie – für den klassischen solidarischen Anarchismus, aber auch für Radikalliberale der Gegenwart, denen schon Steuern suspekt sind. Wenn sie Silicon Valley-Milliardäre sind, träumen sie vielleicht von Communities auf künstlichen Pazifik-Inseln, denen keine Regierung mehr etwas vorschreiben kann. Ein allgemeines Politikmodell ist das wohl nicht, eher der Versuch, dem Politischen in die privilegierte Bubble zu entkommen. Doch lässt sich umgekehrt die ganze Gesellschaft nach dem Prinzip von Selbstorganisation und freiwilliger Kooperation denken? Und hat nicht gerade die Corona-Pandemie gezeigt, dass ein starker Staat Solidarität mit den Schwachen notfalls vorschreiben muss?

Anarchistisches Pathos wird auch dort gebraucht, wo es den Staat nicht gleich abschaffen will. Und auch dort wäre es mehr als ein trauriger Rest der Utopie, denn Herrschaft bleibt eine Zumutung und darf nicht in Ruhe gelassen werden. Beate Meierfrankenfeld ist dem prekären Charme der Anarchie nachgegangen.



© Bayern2, Nachtstudio, 24.5.2022

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