125. Geburtstag: Mit Bertolt Brecht die Kunst des Zweifelns erlernen
Vor 125 Jahren wurde der neben Beckett wichtigste Dramatiker des 20. Jahrhunderts geboren: Thesen über seine Relevanz. Von Ronald Pohl.
Das Schreiben der Wahrheit galt Bertolt Brecht als besondere Herausforderung. Die Wahrheit zu vertreten erfordere Mut, schrieb der exilierte Dramatiker 1934. Die Wahrheit werde, so wie die Mehrzahl der Menschen, unterdrückt. Wer sie ausspreche, bringe sich selbst in Gefahr. Dabei gebe es nichts Lustvolleres, als die Wahrheit zu ermitteln. Um ihr jedoch zu ihrem Recht zu verhelfen, bedürfe es keiner geringeren Anstrengung, als die ganze Welt zu verändern: weil die es nötig habe.
Der Augsburger Dichter Brecht (1898–1956) machte sich – auch um nicht im Mahlwerk Hitlers oder Stalins spurlos zu verschwinden – selbst zum Rätsel. Er bildete sich um. Als größter Dramatiker des 20. Jahrhunderts verlieh er seinen Zügen einen Höchstgrad an Wiedererkennbarkeit. Kultivierte den mönchischen Ausdruck des Antlitzes, behielt die unvermeidliche Zigarre fest im Griff. Dazu war er Marxist und Dialektiker: Allein dieser Umstand rechtfertigt es für viele, seinen Namen ins Schwarzbuch des Kommunismus hineinzureklamieren.
Für die Nachgeborenen verblasst mit Fortdauer Brechts Physiognomie, wird pastos und durchscheinend. Einige rekapitulieren, dass der Haifisch Zähne hat und dass er diese im Gesicht trägt. Allein die Wiedergabe des Inhalts der Dreigroschenoper würde viele Theaterabonnenten in ernstliche Schwierigkeiten versetzen. Andere sehen vielleicht Helene Weigel, Brechts Frau, den Planwagen der Mutter Courage über eine mitleiderregend kahle Bühne ziehen. Das „Epische Theater“, Brechts originäre Schöpfung, scheint passé. Dabei sind seine Hauptmerkmale, der zeigende Gestus, das Brechen jedweder Illusion, das planmäßige Verfremden, in die Bühnenpraxis der Postdramatik eingegangen. Prädikat: höchst wirksam.
© derStandard, Kultur, Bühne, 10.2.2023