Blickpunkt Film: Happy Birthday, Dominik Graf „Es geht um alles. Immer.“

Am 6.9.22 wurde Dominik Graf 70 Jahre alt. Aus diesem Grund setzte sich BF mit ihm zusammen für ein langes Interview über das Kino, Gott und die Welt. Von Thomas Schultze.

Sie sind seit mehr als 40 Jahren nicht aus dem deutschen Filmgeschäft wegzudenken. Schlägt Ihr Herz heute noch ebenso leidenschaftlich für das Kino wie damals?

DOMINIK GRAF: Ich war keiner, der Filme von klein auf mit Haut und Haaren gefressen hätte. Meine Eltern waren beide Schauspieler, mein Vater in West-Deutschland relativ berühmt. Ich bin als Kind ins Kino gegangen, klar, später dann in so halb erwachsene Filme, James Bond, Love Story“, in den bayrischen Kleinstadt-Internaten, wo ich war. Aber ich fand eigentlich die meisten Filme langweilig. War weit mehr auf Musik und Literatur konzentriert. Bis ich nach dem Abitur in München dann erstmals Filme der Nouvelle Vague gesehen habe. Die haben mit mir gesprochen, ich hatte das Gefühl, Menschen zu erkennen, Konstellationen, Konflikte, die ich nachvollziehen konnte. Das hat mich dazu gebracht, die Germanistik-Seminare schnell wieder zu knicken und auf die Filmhochschule zu gehen.

Wie war es dort?

DOMINIK GRAF: Da herrschte ein ganz anderes Klima. Seit dem gefeierten A-Kurs mit Wim Wenders als Speerspitze war dort eine Ästhetik ausgerufen worden, die mich als Fan französischer Konversations-Filme eher irritierte. Laien wurden in den Filmen eingesetzt statt Schauspielern, das meiste wurde in sehr langen Einstellungen gedreht, alles in Schwarzweiß. Michael Hild, später Produzent vieler gemeinsamer Filme in der Bavaria, hats so formuliert: „Wir wollten Film an sich nochmal auf den Prüfstand stellen, das Kino von Grund auf neu verstehen.“ Man nannte den A-Kurs ja „Sensibilisten“. Ich hab‘ das alles erst viel später kapiert, aber Wenders war 1974 bereits auf dem Weg zu Weltruhm. Ich, wir Jüngeren, mussten diesen Stil also ernst nehmen, konnten uns aber auch einen eigenen Reim darauf machen, wie zum Beispiel mein genialer Kommilitone Wolfgang Büld (Punk in London“, Manta Manta“, Penetration Angst“). Ich dagegen merkte erstmal, dass ich das, was ich ersehnt hatte, sowas wie charmante Leichtigkeit, überhaupt nicht hinbekam. Ich mochte meine ersten Filme nicht sehen. Schrecklich. Also was tun? Robert Aldrich, der in der Bavaria drehte, kam an die Filmhochschule, auf den ersten Blick ein klassischer Hollywood Actionfilmer, aber in seinem Herzen ein fulminanter Mix aus Revoluzzer und Pragmatiker. Und der hat uns erklärt: Eine Szene muss funktionieren. Es kommt nicht darauf an, dass ihr euch als Regie-Autoren im Film abbilden wollt. Die Figuren müssen toll sein, die Konflikte spannend. Man muss die Inszenierung für den Schneidetisch so drehen, dass man daraus eine wunderbar fließend dramatische Szene schneiden kann. Davon waren wir natürlich alle noch weit entfernt. Aber dieses Programm machte mir erstmals wirklich Eindruck.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner