Essay: „Klassisch Gendern“ Gottsched, Lessing, Goethe und ihre Bekanntinnen und Verwandtinnen
Von Angela Steidele. Viele betrachten Gendern als Verhunzung der Sprache, besonders bei Werken der Dichter und Denker. Dabei ist die Annahme, dass es sich hierbei um eine moderne Mode handelt, völlig falsch: Bereits in der deutschen Klassik wurde kräftig gegendert.
Sich über die deutsche Sprache zu wundern ist nicht neu. Schon 1617 gründete sich die Fruchtbringende Gesellschaft als erste Akademie der deutschen Sprache, um sie zu beeinflussen. Dem 18. Jahrhundert war dann das Deutsche zu maskulin.
Gottsched, Lessing und Goethe kannten noch „Verwandtinnen“ und „Bekanntinnen“. „Studirende“ – bis ins 19. Jahrhundert die gebräuchliche Form –, die ein Mädchen hatten, versetzten es, das heißt sie, grammatikalisch falsch ins Feminimum. Wer wollte zürnen? Diskutierte doch schon die Fruchtbare Gesellschaft „gütig/ frölig/ lustig und erträglich in worten und wercken“.
Wissenschaftlich recherchieren – literarisch schreiben: Das kennzeichnet sowohl Angela Steideles Biografien (In Männerkleidern über Catharina Linck 2004, neu 2021; Geschichte einer Liebe über Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens 2010; Anne Lister 2017) als auch ihr essayistisches Werk (Zeitreisen 2018; Poetik der Biographie 2019) und nicht zuletzt ihre Romane (Rosenstengel 2015, Aufklärung 2022) aus. Die Autorin, geboren 1968, wurde u.a. mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet.
© Essay und Diskurs, 29.1.22024