„Merengue, Magnete und Schwerkraft“ Neues Album von Lucrecia Dalt
Zwischen Latinrhythmus und Science-Fiction: Lucrecia Dalts Album „¡Ay!“ ist am Freitag an der Volksbühne Berlin mit allen Sinnen zu spüren. Von Ruth Lang Fuentes.
„Romperé tu narrativa y alteraré tu paisaje aplanado“. Auf Deutsch: „Ich werde dein Narrativ brechen und deine flache Landschaft verändern.“ Weich und sphärisch singt Lucrecia Dalt diese Worte in „El Galatzó“. Dem zweiten Lied auf ihrem neuen Album „Ay!“. Ihr Gesang klingt ausdrucksstark und traumwandlerisch zugleich. Diesmal singt die Kolumbianerin nicht wie zuvor auf Englisch, sondern auf Spanisch. Vielleicht auch deshalb bilden die Klänge mit den Songtexten eine verschworene Einheit.
Das gelingt auch, weil Dalt in den Texten philosophische Fragen stellt, ganz grundsätzlich nachdenkt über Raum und Zeit, die Verbindung zwischen Geist und Materie. Wie verhält sich ein Körper in Bezug zur Erde. Keine Angst, ganz leicht gibt der Takt in den Songs die verstreichende Zeit an, sphärische Backvocals erzeugen Raum und die elektronischen Klänge setzen ekstatische, manchmal erotische Akzente. Kann es einen reinen Zustand des Bewusstseins geben, ohne jegliche Materie? Laut Dalt begänne da das Zeitlose. Ein Zustand ohne Bezug zu den irdischen Parametern Erdanziehungskraft, Zeit und Raum.
© TAZ, Kultur, 14.10.2022