Spex: Prince – Emancipation ist nicht mehr
Die Stille vor dem großen Regen. Die Sexiness der Befreiung. Die Hässlichkeit der vollen Kontrolle. Ein Nachruf auf Prince Rogers Nelson, 1958-2016.
Der kleine Prinz hockt in seiner Kellerhöhle. Die Augen weit aufgerissen, die Rebellenschnute in seinem Trotzgesicht verzerrt vor Schmerz. Sein Vater hat sich eben eine Kugel in den Kopf gejagt, Sanitäter und Polizei sind abgezogen, er ist allein. Suizidgedanken überfallen ihn. Er springt auf. Um sich nicht selbst ultimativ Gewalt anzutun, hackt er sein mit allerlei bedeutungsschwangerem Klimbim ausstaffiertes Reich im Souterrain des Elternhauses kurz und klein. Der Gewaltausbruch endet erst, als er bemerkt, wie er in seiner Verzweiflung verschollen geglaubte Notenmanuskripte des Vaters durch die Luft wirbelt. Die Blätter regnen herab wie ein Segen: Musik bringt Heil, Musik ist Rettung.
Es ist der entscheidene Moment in Purple Rain, dem Film, der Prince samt dem zugehörigen Album im Jahr 1984 zum globalen Superstar machte: der Moment der Emanzipation. Bis dahin spult The Kid, der von Prince mindestens halb-autobiografisch angelegte Held des Films, sein Rude-Boy-Programm ab. Er beeindruckt seine Herzdame Apollonia mit Gitarrengewichse, erobert sie mit Motorradgeknatter und Arschloch-Coolness, schlägt sie wenig später bei den ersten Eifersüchteleien zu Boden, wie er es vom gewalttätigen Vater gelernt hat.
Aber von diesem einen Moment an macht er nicht mehr, was der Vater macht. Er schmeißt nicht alles hin. Er stellt sich am nächsten Tag auf die Bühne, angreifbar, erschüttert, stumm. Und in die große Stille hinein singt er jenen »stupid song«, den in der Filmstory die bis dahin wenig beachteten »girls in the band« geschrieben haben: »Purple Rain«. The Kid kehrt sein Innerstes nach außen, ein großes Crescendo aus Verletzlichkeit und Schmerz, ein lila Sturzbach aus Tränen….
© Spex, 24. April 2016, Von Arno Raffeiner