SZ-Jazzkolumne: Fragwürdige Totentänze, und andere Merkwürdigkeiten oder „nicht kaufen!“
Nicht nur Kenny G verwurstet die Originalmusik Verstorbener, auch Adele, Melanie Charles, Gregory Porter und einige mehr. Von Andrian Kreye.
Ja, ja. Es ist Weihnachtszeit und damit erscheinen pünktlich unsägliche Mixturen und gut gemeinte Missetaten. Jedes Jahr dasselbe Spiel, jedes Jahr schüttel ich den Kopf und frag mich, warum? Aber ja, es geht um Kohle, Geld und um Musiker, die sich überreden lassen. Und wenn man Pech hat, bekommt man so ein Ding auch noch geschenkt. Ist doch nur gemeint. Respekt an Andrian das hier mal Flagge zeigt!
Die letzte Jazzkolumne wies darauf hin, dass in Deutschland auf die Störung der Totenruhe bis zu drei Jahre Gefängnis stehen. Anlass war die neue Single „Legacy“ des Smooth-Jazz-Saxofonisten Kenny G, der dafür eine künstliche Intelligenz mit den Tönen des 1991 verstorbenen Cool-Jazz-Pioniers Stan Getz gefüttert und dann ein Duo mit dem Toten gespielt hatte. Nun ist Kenny G ein Punching Bag für Anfänger. Aber so finster sein Unterfangen der digitalen Leichenfledderei auch sein mag, wenn man sich derzeit so umschaut, sind die Fälle der Nekrophilie im Jazz sehr viel häufiger als man glauben mag.
Das beginnt mit dem derzeit erfolgreichsten aller Hitalben „30“ von Adele, auf dem sich der Song „All Night Parking (with Erroll Garner)“ findet. Der Pianist ist seit 1977 tot, da war Adele noch elf Jahre lang nicht geboren. Sie hat da allerdings lediglich eine wirklich ausnehmend hübsche Passage aus Garners Version von „In the Mood for Love“ genommen und als Leitmotiv unter eine durchaus gelungene Rauchstimmen-Ballade gelegt. Das ist eher Sampling als Fleddern. Das war schon in den Frühzeiten des Hip Hop eine Verdichtung großer Werke auf ihre Essenz, die von größtem Respekt getragen wurde. Auch wenn die affige „with“-Klammer eine Anmaßung ist – man muss das Phänomen wohl doch von Fall zu Fall betrachten….
Ach ja, wer kam eigentlich auf die Idee, Nat King Coles Weihnachtsalbum neu zu arrangieren und dann Leute wie Johnny Mathis, Gloria Estefan oder John Legend über dessen Samtstimme singen zu lassen? Vielleicht sollte man solchen Alben gar keine Sterne oder Punkte zuweisen, sondern Strafmaße? Also dann: Adele, Verfahren eingestellt. Melanie Charles, irgendwas mit Bewährung. Makaya McCraven, 40 Sozialstunden in einem Orff-Schulwerk. Gregory Porter, als Wiederholungstäter irgendwas ohne Bewährung. Die Produzenten des Nat-King-Cole-Weihnachtsalbums, Höchststrafe mit Zwangsbeschallung besonders eingängiger Weihnachtsweisen. Pa-rum-pum-pum-pum.
© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 29.11.2021