Musiktipps

The Free Jazz Collective Musiktipp: DoYeon Kim – Wellspring / Tao Forms

Von Sammy Stein. ! Ihr findet hier eine ganz erstaunlich und verblüffende Musik ! @radiohoerer

Auf Wellspring (Tao Forms) arbeitet Kim mit Mat Maneri an der Bratsche, Tyshawn Sorey am Schlagzeug und Henry Fraser am Bass zusammen – das Ergebnis sind sieben unglaublich magische Titel, von denen vier von Kim komponiert wurden und drei Gruppenkompositionen sind.

Ein Gayageum ist eine traditionelle koreanische Zither mit 12, 18, 21 oder 25 Saiten. Das Instrument, das historisch aus Paulownia-Holz gefertigt wurde, erzeugt einen weichen, zarten und resonanten Klang, dessen Klangspektrum durch verschiebbare Stege erweitert wird. Do Yeon Kim ist eine international anerkannte Gayageum-Spielerin, die maßgeblich dazu beigetragen hat, dieses Instrument in die zeitgenössische Musik zu integrieren. Als Zupfinstrument mit einem Korpus aus Holz verfügt es über perkussive Obertöne, die es vielseitig einsetzbar machen und es ermöglichen, es mit Schlag- oder Streichinstrumenten zu kombinieren.

Der Eröffnungstitel „The Beats of Distant Thunder“ ist eine kreative Verschmelzung von Klängen mit gezupften Saiten, fließenden Linien und perkussiven Einlagen, die einen Energiefluss von einem Musiker zum nächsten erzeugen. Das atemähnliche Auf und Ab, gepaart mit dynamischen Schwankungen, sorgt für ein Stück voller Spannung. Es fühlt sich fast wie das perfekte Zusammenspiel im freien Spiel an, da jeder Musiker explorative Themen aufgreift, sieht, wohin sie führen, und die Ideen geschickt an die anderen weitergibt. Soreys Percussion ist in diesem Titel monumental, und das Gayageum offenbart eine riesige Klangpalette.
„Walking In The Dream“ ist eine bezaubernde Mischung aus Gesang und gesprochenen Texten sowie klangvollen, kraftvollen Basslinien. Es ist ein Titel, der mit seinen geschrienen, aussagekräftigen Vocals zeitweise Anklänge an Crass weckt. Bei „Whispers Among Dawn“ tauscht Kim ihr 25-saitiges Gayageum gegen ein 12-saitiges ein, wodurch der Klang deutlich offener wirkt. Das Zusammenspiel mit dem Bass ist hypnotisierend. Bei „Sun Shower“ kehrt Kim zu ihrem 25-saitigen Gayageum zurück – ein wunderschöner Titel, bei dem Viola und Gayageum so miteinander verschmelzen, dass man sie zeitweise kaum noch unterscheiden kann. In der Mitte des Stücks entfesselt Kim einen wilden Gesang, der perfekt mit den vielschichtigen Klangtexturen der Instrumente harmoniert. Allein schon die schiere Tiefe des kontrollierten Lärms im letzten Drittel, bis der Titel ausklingt, ist es wert, bei voller Lautstärke angehört zu werden.
Bei „Diffraction“ wechselt Kim wieder zum 12-saitigen Gayageum – ein dynamischer, interaktiver Track, gefolgt von „Linear System“, das so klangreich ist, dass es nach vielen Instrumenten klingt; man kann kaum glauben, dass nur eines im Spiel ist. Es wird dichter, und immer mehr Schichten scheinen sich zu entwickeln, bis alles verstummt und Kims Gesang sanft, fast zögerlich, aus der fast vollständigen Stille emporsteigt. Die Musik baut sich wieder auf, dann ist sie mit einem Beckenschlag und einem Bassschlag verschwunden – und doch nicht ganz. Sie geht über in den letzten Titel, „Calculus for Our Souls“, den atmosphärischsten Titel des Albums, bei dem Kims Gesang über die Instrumente hinweg singt, schreit und ruft, während Maneris Bratsche darunter ihre eigenen Linien einbringt, bevor Schlagzeug und Bass dieser außergewöhnlichen Musik noch mehr Ebenen hinzufügen.
Das ist ein verdammt gutes Album, das für jeden etwas zu bieten hat – von Free-Jazz-Liebhabern über den Punk-Gesangsstil bis hin zu klassischen Anklängen in den Streicherstimmen. Es ist hypnotisierend und anders, und doch gibt es auch etwas Vertrautes – das Gefühl, dass Musiker zusammenkommen und Free Jazz schaffen, der genau das tut, was diese Art von Musik ausmacht: verbinden und kommunizieren.

Kim sagt über das Album, dass sie sich die Frage gestellt habe: Wie könne sie die Welt durch ihre Musik verkörpern, um beim Zuhörer einen kraftvollen und bleibenden Eindruck zu hinterlassen?
Die Antwort lautet: Dieses Album tut genau das. Es ist Ausdruck einer Urkraft, verkörpert von Musikern, die verstanden haben, was Kim brauchte und wollte. Die Dynamik ist wunderschön, die Kommunikation stimmig und die Musik fesselnd.

© The Free Jazz Collective, 19.5.2026

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