„Das Banjo und die Papiertüte“ Amythyst Kiah und ihr Album „Wary + Strange“
Die US-Amerikanerin Amythyst Kiah veröffentlicht mit „Wary + Strange“ eines der spannendsten Roots-Alben des Jahres. Von Jochen Overbeck.
Zwei Zeilen aus der Single „Black Myself“ von Amythyst Kiahs gerade erschienenem Album „Wary + Strange“ (Rounder Records) gehören zu den wichtigsten, die in der US-amerikanischen Roots-Musik in diesem Jahr gesungen wurden.
Sie lauten: „I don’t pass the test of the paper bag, cause I’m black myself. I pick the banjo up and they stare at me, cause I’m black myself.“
Von zwei Dingen wird hier erzählt. Zunächst einmal von struktureller Diskriminierung: Der „Brown Paper Bag Test“ ist ein Motiv aus der amerikanischen Geschichte, das eine Praxis aus dem 19. und angehenden 20. Jahrhundert beschreibt, nach der die braune Papiertüte die Grenzlinie gewesen sein soll, anhand derer von Weißen, aber auch innerhalb der afroamerikanischen Community bestimmt wurde, wer ein akzeptabler, weil heller, und wer ein angeblich zu dunkler Schwarzer war.
Die Zeile mit dem Banjo hingegen bezieht sich auf eine simple Wahrnehmungsverschiebung: Das Banjo ist ein Musikinstrument, das einen westafrikanischen Ursprung besitzt, der bei dessen steigender Popularität in der Country- und Bluegrassmusik des 20. Jahrhunderts aber nur selten Erwähnung fand und bis vor einigen Jahren kaum erforscht wurde.
© Der Tagesspiegel, Kultur, 24.6.2021