SZ Jazzkolumne: „Nachbeben und Ausläufer“

Meilenstein der Jazzgeschichte: John Coltranes Befreiungsschlag “ A Love Supreme“ hat heute noch Folgen bis in die Rockmusik hinein. Von Andrian Kreye.

Es kann gut sein, dass das Album John Coltranes „A Love Supreme – Live in Seattle“, das neulich erschien, als Meilenstein in die Jazzgeschichte eingeht, auch wenn die Platte ähnlich funktioniert wie Ornette Colemans „Free Jazz„, Albert Aylers „Spiritual Unity“ oder Peter Brötzmanns „Machine Gun“. Allesamt Alben, die den Lauf der Musikgeschichte mit Radikalität verändert haben, ohne dass allzu viele Menschen diese Platten überhaupt, geschweige denn in Gänze gehört haben. Man wird bei Coltranes Seattle-Album allerdings Zeuge eines Sturms, dessen Ausläufer und Brecher heute noch nicht nur im Jazz zu spüren sind, sondern bis in die Rockmusik hinein. Gute Gelegenheit, sich da mal wieder ein paar Neuerscheinungen anzuhören.


 Auf James Brandon Lewis‘ neuem Album „Code of Being“ (Intakt Records) gibt das der ungestümen Kraft seines Tenorsaxofons Halt und Richtung. Er startet da bei fast allen Stücken aus einem lyrischen Schönheitsbegriff in die Ekstase, in der die vier Musiker den Wohlklang des klassischen Jazzquartetts aufbrechen, um dann wieder zur Ruhe zurückzufinden. Weil alle Regeln ja schon gebrochen wurden, die es zu brechen gibt, ist das bei Lewis weniger Ausbruch als Aufbruch. „Hope you dig it“ hat er einem Freund geschrieben, dem er das Album zuschickte. Aber ja. Eines der besten Alben in diesem Jahr.


Was als Auftragsarbeit des Berliner Jazzfestes begann, veröffentlichen sie Ende November als Training & John auf dem Album „Three Seconds“ (Fun in the Church). Das ist freie Musik in allerbestem Sinne, eine Sound- und Musik-Collage, die in jeder Sekunde nach jenem wilden Berlin klingt, das Amerikaner wie Dieterich so fasziniert.


Die Schnittstelle zwischen freien Musikern und dem Rock ist sowieso eine sträflich unterbelichtete Nische. Die neue Band des unfassbar produktiven Bassisten William Parker lotet sie aus. Nach der Veröffentlichung seines 10-CD-Gesamtkunstwerkes „Migration of Silence Into and Out of the Tone World“ mit seinem Bogen durch die Musik fast der ganzen Welt ist das Album „Mayan Space Station“ (Aum Fidelity) mit der Gitarristin Ava Mendoza und dem Schlagzeuger Gerald Cleaver ein ungewöhnlich kompakter Tauchgang in den improvisierten Rock, bei dem die Gitarre auf den Verzerrungen herumgleitet wie in der Hohlkehle eines Skateparks, während Parker und Cleaver bei aller Freiheit Rhythmuspflöcke einrammen, die das Album tief im fast schon vergessenen Free Funk verankern.


Noch einen Schritt weiter geht Thurston Moore, der zwar solo sehr gut an seine Rockstarzeiten bei Sonic Youth anknüpfen kann, was er aber mit der Freejazzrockband Konstrukt aus Istanbul auf dem Album „Turkish Belly“ (Karlrecords) aus seinem Instrument rausholt, ist reine, rohe Lust an der absoluten Befreiung aus Song- und sonstigen Strukturen. 



Demnächst erscheint zum Beispiel eine Neuauflage von Winston Mankunku Ngozis legendärem Album „Yakhal’Inkomo“ (Mr. Bongo). Was der südafrikanische Saxofonist da im Sommer 1968 in Johannesburg mit seinem Quartett aufnahm, mag formal ein klassisches Modern-Jazz-Album sein. Die Emotionalität aber, die sich da in den leicht verschleppten Beats und Linien formuliert, macht aus diesem Album im Kielwasser der mittleren Coltrane-Jahre ein Album, das einem noch ein wenig nähergeht als vieles aus dieser Zeit sowieso schon.



© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 1.11.2021

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