Musiktipps

Prestomusic Jazzklassiker: Kenny Burrell & John Coltrane / Prestige

Von Dave Spirrett. Zum 95. Geburtstag von Kenny Burrell. Diese klassische Session, die 1958 in Rudy Van Gelders Studio in Hackensack aufgenommen wurde, entstand aus dem informellen, von intensiver Zusammenarbeit geprägten Umfeld der New Yorker und Detroiter Jazzszene der späten 1950er Jahre.

Obwohl sie als Co-Leader angekündigt wurden, schloss sich John Coltrane tatsächlich dem etablierten, auf Detroit ausgerichteten Kreis des Gitarristen Kenny Burrell für eine eintägige Session bei Prestige Records an. Unterstützt von einer außergewöhnlichen Rhythmusgruppe mit dem Pianisten Tommy Flanagan, dem Bassisten Paul Chambers und dem Schlagzeuger Jimmy Cobb bildet sie eine Einheit, die sowohl tief mit Burrells Wurzeln in Detroit als auch mit Coltranes damaliger Tätigkeit im Miles-Davis-Quintett verbunden ist.

Musikalisch ist das Album ganz klar dem Hard-Bop-Stil zuzuordnen und verbindet Burrells bluesgetönte Lyrik mit Coltranes sich rasch entwickelndem, hochdynamischem „Sheets of Sound“-Ansatz. Das Ergebnis ist eine entspannte und zugleich intellektuell anregende Platte, die temporeichen Blues mit einigen der intimsten Late-Night-Balladen jener Zeit in Einklang bringt.

„Freight Trane“ versetzt uns mitten ins Geschehen und bietet dem Quintett eine temporeiche Plattform, von der aus es richtig loslegen kann. Flanagans Komposition zeichnet sich durch eine treibende Unisono-Melodie aus, bevor zwei kontrastreiche Soli der Frontmänner gegen Ende heranrauschen, wild angetrieben von Chambers und Cobb. Der Gitarrist liefert bei „I Never Knew“ eine Meisterleistung ab und führt den Head mit einem schlichten, aber eleganten Ansatz ein, der sich anmutig über mehrere Refrains erstreckt. Bei diesem Titel ist das Zusammenspiel von Chambers, Flanagan und Cobb ein absoluter Genuss: Sie bleiben geschmackvoll im Hintergrund, tragen aber subtile Glanzstücke bei, wie etwa Chambers’ aufsteigende Walking-Bass-Linien, die parallel zum Solisten verlaufen, der in die höheren Lagen aufsteigt.

Das lebhafte und einzigartige „Lyresto“ trifft genau ins Schwarze und verbindet komplexe Bebop-Strukturen mit einer reichhaltigen Blues-Grundstimmung, wobei Burrells schwungvolle Melodik als Sprungbrett für die Improvisation dient. Ganz in seinem Stil erkundet Coltrane ausgiebig jeden harmonischen Weg am Rande des Bebop-Stils, bevor die makellose Phrasierung des Komponisten die aufgestaute Spannung mit einem unglaublichen Gespür für Raum und Zeit nahtlos auflöst.

Der Juwel des Albums ist vielleicht „Why Was I Born“, ein Duett zwischen Burrell und Coltrane, das den Großteil des Stücks einnimmt, während die Rhythmusgruppe pausiert. Im Gegensatz zu den eher dem Hardbop nahestehenden Stücken erhalten wir hier ein Musterbeispiel für Einfachheit und eine intime Verbindung zwischen den beiden, wobei Coltranes Verzierungen der Melodie geschmeidig von der Gitarre unterstützt werden.

Paul Chambers’ straffes, gewundenes Bass-Intro eröffnet „Big Paul“, einen Blues-Titel von Tommy Flanagan, der seinem Bandkollegen gewidmet ist. Die Komposition rückt die Rhythmusgruppe während des ausgedehnten Solos des Pianisten in den Mittelpunkt. Als passendes Finale des Albums bricht Coltrane mit kaskadenartigen Sechzehntelnoten hervor, bevor er an Burrell übergibt, der eine langsam aufbauende Improvisation liefert, in der er bluesige Linien mit Chromatik vermischt. Der Titel wird perfekt abgerundet, da die Rhythmusgruppe bis zur letzten Note gemeinsam groovt.

„Kenny Burrell & John Coltrane“ ist eine brillante Zeitkapsel für die zurückhaltende lyrische Kraft, die Burrell in die Hard-Bop-Ära einbrachte. Während Coltranes feurige „Sheets of Sound“ bald die Avantgarde neu prägen sollten, verdeutlicht diese Platte, wie wunderschön seine rohe Intensität durch Burrells makellose, bluesgetränkte Linien verankert werden konnte. Als Pionier der Jazzgitarren-Tradition liegt Burrells Vermächtnis genau in dieser Fähigkeit, raffinierte Bebop-Harmonien mit einem warmen, unverwechselbaren Stil zu verbinden, der Generationen von Gitarristen beeinflusste und ihn zu Duke Ellingtons Lieblingsgitarristen machte. Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung und angesichts des bevorstehenden 95. Geburtstags von Kenny Burrell an diesem Freitag bleibt dieses Album ein bewährtes Kapitel im musikalischen Dialog.

Kenny Burrell & John Coltrane – Kenny Burrell & John Coltrane

© Prestomusic, Classic Recordings, 29.7.2026

(Visited 5 times, 5 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.