Von Inga Lizengevic. Das belarussische Staatsfernsehen agitiert in Hass-Sendungen gegen jeden, der nicht hinter Machthaber Lukashenka steht. Verhaftungen finden willkürlich…
Die Radiotipps in der Übersicht für alle Kultursender des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks, ByteFM sowie des Ö1.
00:05 Uhr Deutschlandfunk Kultur Lange Nacht
„Was nach Stalins Terror von der Kultur in Belarus übrig blieb“ Die Lange Nacht der unerschossenen Gedichte
Von Inga Lizengevic Regie: die Autorin
Stalins Terror hat in den 1930er-Jahren zur Ermordung einer Generation von Autorinnen und Autoren in Belarus geführt. Aber ihre Gedichte leben noch!
Stalins „Säuberungen“ – die brutale Verfolgung und Ermordung von politischen Gegnern und Konkurrenten in den 1920er- und 1930er-Jahren in der Sowjetunion – beschränkte sich nicht auf die Zentren und auch nicht auf die politischen Kräfte, sondern zielte auf alle Institutionen und alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Auch auf die Kultur. Und gerade dort, wo Widerstand nicht nur künstlerischer oder politischer Natur, sondern womöglich noch Ausdruck eines regionalen kulturellen Selbstbewusstseins, Ausdruck einer anderen, nicht russischen Kultur war. Im August 1937 brennt tagelang ein Feuer im Innenhof des Geheimdienstgefängnisses in der belarussischen Hauptstadt Minsk. Der Geheimdienst verbrennt zahllose Manuskripte belarussischer Schriftsteller. Es beginnt, was Historiker den „Bluttunnel des Todes“ nennen – bis Dezember 1938 werden in Belarus mindestens zehntausend Menschen erschossen. Grausiger Höhepunkt ist die Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1937, in der 132 Kulturschaffende und Wissenschaftler sterben, darunter 22 Schriftsteller: Lyriker, Prosaisten, Übersetzer, Kritiker – die Elite der Literaturszene. Die Nacht wird zum Schlusspunkt einer kurzen, hellen Aufbruchszeit: In den 1920er-Jahren war eine junge, selbstbewusste mehrsprachige belarussische Literatur entstanden, die sich europäischen Avantgarde-Strömungen geöffnet und mit neuen Formen experimentiert hatte. Im Wald von Kurapaty liegen bis heute die Leichen der Künstler, ihre Namen wurden aus der Literaturgeschichte getilgt – doch sie bleiben lebendig, bleiben (un)erschossen, denn in ihren Werken leben sie weiter. Einige überlebten tatsächlich, weil sie nicht als relevant galten, darunter vor allem Schriftstellerinnen. In Belarus ist die Erinnerung an sie noch heute Tabu. Noch heute muss Erinnerungskultur im Exil stattfinden. Die Lange Nacht bietet einen Einblick in dieses Kapitel europäischer Literatur- und Verfolgungsgeschichte.
05:05 Uhr Deutschlandfunk Kultur Aus den Archiven
„Frida Kahlo“ Wie die Ikone Mexikos zur Kultfigur wurde
Von Hans-Jürgen Schmitt. Deutschlandradio 1996
Vorgestellt von Isabella Kolar
Frida Kahlo (1907 – 1954) ist in Mexiko – und nicht nur dort – allgegenwärtig. Auf Geldscheinen, in Museen, auf Taschen und T-Shirts. Die berühmte Künstlerin ist überall – und nahezu immer eine Schlagzeile wert. Warum fasziniert sie bis heute mehr denn je? Weil die Menschen die Erfahrung ihres leidvollen Lebens, die Frida mit so radikaler Ehrlichkeit darstellt und damit erlebbar macht, voller Mitgefühl nachvollziehen können: die universelle Schilderung von Schmerz, Liebe und Identitätssuche.
14:00 Uhr Ö1 Hörspiel
„Dazwischen“ – Kurzhörspiele von Studierenden des Max Reinhardt Seminars
„Wo immer Menschen zusammenkommen, schiebt sich die Welt zwischen sie, und im Zwischenraum, den sie bildet, zeigt sich, dass sie die Menschen ebensosehr miteinander verbindet wie sie voneinander trennt“, schrieb Hannah Arendt. Zwischen zwei Menschen kann ein ganzes Universum liegen. Zwischen einem Gedanken und einem ausgesprochenen Wort liegt manchmal ein Moment, der alles verändert.
15:00 Uhr ByteFM Golden Glades mit Sandra Zettpunkt
Symphonien für die Hosentasche
So mancher Popsong ist zwar nur drei Minuten lang, aber es steckt erstaunlich viel drin: raffinierte Arrangements, verschachtelte Strukturen und liebevoll ausgetüftelte Details. Derek Taylor prägte 1966 den Begriff „Pocket Symphonies“, als er den ambitionierten Pop der Beach Boys anpries. Wir hören Songs, die dieses Prinzip auf ihre ganz eigene Weise weiterdenken. Mit dabei: koleżanka, Stephen Steinbrink und Duncan Browne.
17:05 Uhr Ö1 Diagonal
Humanistin, Feministin, Künstlerin. Zur Person Miriam Cahn
Miriam Cahn. Ihre Bilder scheuen nicht den bösen Blick, nicht die Brutalität, nicht den Körper. Ihre Malerei – ob mit Ölfarben, Kreide, Pastell, Kohle oder Aquarell – rückt die Geister, die von Krieg, Flucht, Sexualität, Verletzung erzählen, farbgewaltig, figurativ und unbestechlich ins Zentrum.
18:05 Uhr Deutschlandfunk Kultur Feature
„Einhundertzweiundneunzig Tage“ Vom Sterben der Eltern. Von Lorenz Hoffmann
Regie: Nikolai von Koslowski
Ton und Technik: Holger Kliemchen, Christian Grund
Redaktion: Tobias Barth MDR 2022
Als die Mutter an Krebs erkrankt, entscheidet sich der Sohn, ihr in ihren letzten Lebenstagen beizustehen. Noch bevor sie stirbt, bekommt auch der Vater die Diagnose Krebs. Eine Zeit voller Herausforderungen und widersprüchlicher Gefühle beginnt.
18:20 Uhr SWR Kultur Jazz
Homezone – Aufbruch ins Abseits (1/2). Von Ulrich Kriest
Das (auch heroische) Scheitern hat das Besteck des Jazz-Diskurses für die Geschichte reserviert. Die Gegenwart des Jazz signalisiert Marktgesättigtheit und bietet im Ausgleich eine Handvoll nicht transparenter Fördertöpfe. Mit welchen Strategien und Überlegungen begegnen junge Musiker*innen der stark eingeschränkten Aufmerksamkeitsökonomie der Szene, um ihre Kunst sicht- und hörbar zu machen, ohne „denen ihr Spiel“ zu spielen? Eine Gesprächsrunde zur Lage, ihren Widersprüchen, Hoffnungen und Utopien – u. a. mit Tim Stohmeier, Marco Sickinger, Iris Eckert, Lars Toepperwien, Samuel Restle.
19:00 Uhr HR 2 Jazz and More
Unter anderem mit Franz Schuberts berühmtem Liederzyklus, völlig neu interpretiert
Jens Düppe Quartett, Gregor Schwellenbach: Time Place Action | Michael Wollny: Eine Winterreise | Gretchen Parlato: The Wise Ones | Welten: Embrace | Hannes Zerbe Jazz Orchester Berlin: Heiner Müller tanzt mit Jimi Hendrix Polka
19:00 Uhr NDRKultur Das Gespräch
Gast: Wolf Biermann
19:05 Uhr Deutschlandfunk Kultur Konzert
„Musikfest Berlin“ Philharmonie Berlin
Wolfgang Rihm: „Tutuguri“, Poème dansé nach Antonin Artaud für Sprecher, Schlagzeuger, großes Orchester und Tonband
Michael Engelhardt, Sprecher
Schlagzeugensemble: Ivan Zachatko, Bárbara Ribeiro, Christoph Sietzen, Miguel Llorente Gil, Michele Di Modugno, Efe Sağıroğluları
Lucerne Festival Contemporary Orchestra
Leitung: Jörg Widmann
Aufzeichnung vom 02.09.2026
19.05 Uhr Bayern 2 Zündfunk Playback
Zu Gast bei dem Künstler und Producer Marco Benevento in Woodstock. Mit Matthias Röckl
Immer dabei, dezent im Hintergrund und doch wichtig für den Sound der Musik: So könnte man Marco Benevento beschreiben. Der Keyboard Wizard ist so etwas wie ein Schattenmann, ein bisschen wie die Funk Brothers aus der Doku „Standing in the Shadows of Motown“: nicht unbedingt berühmt, aber unentbehrlich, wenn besondere Musik entsteht. Er ist viel unterwegs, mit El Michels Affair, mit Joe Russo’s Almost Dead, die The Grateful Dead neu interpretieren, und mit seinem eigenen Soloprojekt, das seit über zwanzig Jahren läuft. Und er ist oft dabei, wenn Hits entstehen: Clairos „Juna“ hat er mitgeschrieben. Im Playback besuchen wir ihn in seinem Studio in Woodstock und gehen durch seinen vielseitigen Katalog, von Jazz über Funk und Rock bis zu italienischer Filmmusik. Und wir hören sein neues Soloalbum „Glera“.
20:03 Uhr ARD Jazz / radio 3, SWR Kultur, Bremen 2 Konzert
Jazzfest Berlin 2026 – LIVE
The Tomeka Reid Quartet, Chicago Underground Duo, ¡ Ya voy !, Ingebrigt Håker Flaten und Laura Jurd
20:05 Uhr Deutschlandfunk Studio LCB
Aus dem Literarischen Colloquium Berlin
Lesung: Ulrike Sterblich
Weitere Gäste: Klaus Lederer und Cornelius Reiber
Am Mikrofon: Katharina Teutsch
Moderne Märchen und Mythen, Wahn, Inkompetenz und kriminelle Machenschaften. So beschreibt der Klappentext den dritten Roman der Berliner Autorin Ulrike Sterblich, der den Berliner Bankenskandal der Jahrtausendwende aufgreift und weiterdichtet. Damals wurden Fehlinvestitionen in dreistelliger Millionenhöhe bei Plattenbauten getätigt. Ein Parteispendenskandal brachte den Regierenden Bürgermeister zu Fall. Und dann war in der Hauptstadt jahrelanges Sparen angesagt. Wer Ulrike Sterblichs so geistreichen wie witzigen Roman „Drifter“ gelesen hat, wird dieses Buch sofort zur Hand nehmen. Und sich bei der Lektüre ein wenig an Thomas Pynchons durchgeknallte Versuche erinnert fühlen, Ordnung in unordentliche Verhältnisse zu bringen. „Das Museum der Indizien“ spielt im Jahr 1999. Bekanntermaßen das Jahr vor dem Millennium, dem Nerds damals den Zusammenbruch aller Systeme vorausgesagt hatten. So warten auch die Protagonisten von „Das Museum der Indizien“ auf den großen Knall. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Immobilienverwalterin Bärbel und deren Tochter Luzi, eine Jurastudentin, die sich ins Netz der Verschwörungstheorien begibt, während ihre Mutter dem Fortgang einer echten Verschwörung ausgesetzt ist. Ulrike Sterblich wird im LCB ihren neuen Roman in Lesung und Gespräch vorstellen. Mit ihr diskutieren der ehemalige Berliner Bürgermeister Klaus Lederer und der Literaturwissenschaftler Cornelius Reiber über Literatur – und über die Stadt als Beute.
22:00 Uhr Deutschlandfunk Kultur Die besondere Aufnahme
Werke von Misato Mochizuki:
„Terres rouges“ für Streichquartett
„Brains“, Zyklus für Streichquartett
Quatuor Diotima:
Yunpeng Zhao, Violine
Léo Marillier, Violine
Franck Chevalier, Viola
Alexis Descharmes, Violoncello
Deutschlandfunk Kultur / Pentatone 2025
22:05 Uhr Deutschlandfunk Atelier neuer Musik
„Selbstbesinnung und Selbstvergewisserung“ Zum 90. Geburtstag der Komponistin und Pianistin Barbara Heller
Von Klaus Gehrke
Musik ist für sie eine sinnliche Erfahrung, der aber sie eben ihre Struktur gibt.
Barbara Heller, 1936 in Ludwigshafen geboren, studierte in Mannheim und München. Mehrmals war sie Stipendiatin der Internationalen Ferienkurse in Darmstadt, wo sie sich 1963 auch als freie Pianistin und Komponistin niederließ. Sowohl die in Darmstadt vorgestellten neuen Strömungen der Avantgarde als auch ihre Beschäftigung mit dem Elektronik-Pionier Hermann Heiß schlugen sich in ihren eigenen Kompositionen nieder. Allerdings verstand Barbara Heller sich stets als undogmatisch und allen Richtungen gegenüber aufgeschlossen; wiederholt veränderte sie ihren eigenen Stil. Als Mitbegründerin des Arbeitskreises „Frau und Musik“ setzt sie sich seit mehr als 50 Jahren dafür ein, musikalischen Urheberinnen aus Vergangenheit und Gegenwart mehr Öffentlichkeit zu verleihen.
23:00 Uhr HR 2 The Artist’s Corner
„Symphonie Magnétophonique“ Die elektroakustische Musik von Else Marie Pade (1924-2016)
Mit Christian Schröder. Die dänische Komponistin Else Marie Pade hat ab Mitte der 1950er Jahre eine Vielzahl signifikanter elektroakustischer Werke im dänischen Rundfunk, dem Danmarks Radio, realisiert.
23:05 Uhr Deutschlandfunk Lange Nacht
„Was nach Stalins Terror von der Kultur in Belarus übrig blieb“ Die Lange Nacht der unerschossenen Gedichte
Von Inga Lizengevic Regie: die Autorin
Stalins Terror hat in den 1930er-Jahren zur Ermordung einer Generation von Autorinnen und Autoren in Belarus geführt. Aber ihre Gedichte leben noch!
Stalins „Säuberungen“ – die brutale Verfolgung und Ermordung von politischen Gegnern und Konkurrenten in den 1920er- und 30er-Jahren in der Sowjetunion – beschränkte sich nicht auf die Zentren und auch nicht auf die politischen Kräfte, sondern zielte auf alle Institutionen und alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Auch auf die Kultur. Und gerade dort, wo Widerstand nicht nur künstlerischer oder politischer Natur, sondern womöglich noch Ausdruck eines regionalen kulturellen Selbstbewusstseins, Ausdruck einer anderen, nicht-russischen Kultur war. Im August 1937 brennt tagelang ein Feuer im Innenhof des Geheimdienstgefängnisses in der belarussischen Hauptstadt Minsk. Der Geheimdienst verbrennt zahllose Manuskripte belarussischer Schriftsteller. Es beginnt, was Historiker den „Bluttunnel des Todes“ nennen – bis Dezember 1938 werden in Belarus mindestens zehntausend Menschen erschossen. Grausiger Höhepunkt ist die Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1937, in der 132 Kulturschaffende und Wissenschaftler sterben, darunter 22 Schriftsteller: Lyriker, Prosaisten, Übersetzer, Kritiker – die Elite der Literaturszene. Die Nacht wird zum Schlusspunkt einer kurzen, hellen Aufbruchszeit: In den 1920er-Jahren war eine junge, selbstbewusste mehrsprachige belarussische Literatur entstanden, die sich europäischen Avantgarde-Strömungen geöffnet und mit neuen Formen experimentiert hatte. Im Wald von Kurapaty liegen bis heute die Leichen der Künstler, ihre Namen wurden aus der Literaturgeschichte getilgt – doch sie bleiben lebendig, bleiben (un)erschossen, denn in ihren Werken leben sie weiter. Einige überlebten tatsächlich, weil sie nicht als relevant galten, darunter vor allem Schriftstellerinnen. In Belarus ist die Erinnerung an sie noch heute Tabu. Noch heute muss Erinnerungskultur im Exil stattfinden. Die „Lange Nacht“ bietet einen Einblick in dieses Kapitel europäischer Literatur- und Verfolgungsgeschichte.

