Weil wir heute gerade bei Gitarren sind, hier folgt ein weiterer Tipp mit einem rundherum gelungenen Gitarrentrio. Karl Bjorå und…
Das Karl Bjorå Projekt „Power Chords” lässt mich immer wieder die Wiederholtaste drücken und wieder ist es Musik aus dem Norden, die mich begeistert. Ich würde sie gerne mit kontrollierter Energie vergleichen. Egal, wie hektisch, nervös oder gar roh diese Musik wirkt – sie ist immer diszipliniert, im Sinne der Kompositionen.
Auch die ausgefallene Besetzung mit einem Akkordeon verspricht ungewöhnliche Klänge. Wie in den Liner Notes angesprochen, sind Parallelen zu der Musik von King Crimson nicht zu überhören. Es ist also gut möglich, dass Karl Bjorå ein großer Fan von Robert Fripp ist. Könnte King Crimson heute so klingen? Fakt ist, dass dieses Sextett unverschämt gut klingt und auch nach mehrmaligem Hören spannend bleibt. Anhören …

Ein Power-Akkord ist einer der großartigsten Ausdrucksformen der musikalischen Ökonomie: Grundton, Quinte, Verstärkung, los geht’s. Er macht sich nicht einmal die Mühe, zu entscheiden, ob er dur oder moll ist. Er tritt einfach die Tür ein – und kurz darauf vielleicht auch deine Zähne.
„Power Chords“, das sechsköpfige Ensemble des Gitarristen und Komponisten Karl Bjorå, führt diesen Hinweis auf elementare Kraft an einen Ort, der weitaus weniger geradlinig ist.
Bjorå versammelt Signe Emmeluth und Jonas Engel an den Saxophonen, Émilie Škrijelj am Akkordeon, Joel Ring am Cello und Andreas Winther am Schlagzeug und an den Percussions, wobei Elektronik einige dieser Instrumente in weniger leicht identifizierbare Gefilde erweitert.
Gemeinsam machen sie Musik, in der Präzision und Instabilität keine Gegensätze sind. Rhythmen reiben sich an ihren eigenen Rastern; Riffs tauchen auf, mutieren und verschwinden; akustische Klänge entwickeln elektrische Schatten. Erweiterte Spieltechniken sind keine dekorativen Störungen, sondern Teil der alltäglichen Grammatik der Band. Das Ergebnis könnte an New Jack Swing für Prog-Rock-Echsen erinnern oder an Hot Jazz, der irgendwo in der Atmosphäre eines Gasriesen dirigiert wird.
Es gibt Spuren der Kantigkeit von King Crimson, der rhythmischen Perversität von Captain Beefheart und der Magic Band, Zappas unmöglicher Ensembles und der explosiven Freiheiten des Jazz, doch Power Chords lassen sich bequem in keine dieser Kategorien einordnen. Das dreiteilige Titelstück baut aus angespannter Schwingung, asymmetrischem Swing und zunehmendem kollektivem Druck seine ganz eigene Dynamik auf. An anderer Stelle verbirgt die elementare Sprache von „Clumsy, Clumsier, Minor Chords and Major Chords“ zunehmend unwahrscheinliches Verhalten. Anklänge an alten Hot Jazz können neben Drones, elektronischen Verwischungen, stotternder Gitarre, summenden Texturen, chromatischen Kaskaden und Rhythmen koexistieren, die entschlossen scheinen, herauszufinden, wie viele Ecken in einen Kreis passen.
Doch das Chaos gewinnt nie.
Ganz gleich, wie dicht sich die Musik aufbaut, bleiben die sechs Musiker erstaunlich kohärent. Bjorås Kompositionen lassen Raum für Unsicherheit, Kollisionen und individuelle Interventionen, ohne dabei ihre internen Mechanismen aufzugeben. Der Rhythmus und der Drang, ihn zu untergraben, treiben sich gegenseitig an. Was zunächst fast unmöglich klingt, entwickelt nach und nach seine eigene physische Logik. © Texte: Liner Notes.



