A Closer Listen Musiktipp: Sarah Davachi – The Will of Tongues / Late Music
Sarah Davachi hat unsere Jahresend-Charts bereits zweimal angeführt, 2018 und 2022 – klanglich wie auch statistisch könnte dies erneut ihr Jahr werden. „The Will of Tongues“ ist ambitioniert, mitreißend und einhüllend und scheint der natürliche Nachfolger von „Two Sisters“ zu sein, obwohl dazwischen noch andere Alben erschienen sind.
Einer der Gründe, warum Davachis Musik bei unseren Lesern und Mitarbeitern so großen Anklang findet, ist, dass sie perfekt zu unserem Ethos passt. Das neue Album „versucht, eine tiefe Ehrfurcht vor dem Akt des Zuhörens zum Ausdruck zu bringen“. Mit einer Spieldauer von 140 Minuten ist es weder kurz noch leicht zu hören, aber das Erlebnis ist äußerst lohnend, besonders bei wiederholtem Anhören. Beim ersten Hören ist der oberflächliche Reiz hörbar: ehrfürchtige Orgel, prächtige Streicher, strebsamer Chor. Beim zweiten Hören schafft das Werk eine Stimmung: aktive Ruhe, Herz und Verstand im Gleichgewicht, der Friede, der jedes Verständnis übersteigt.
Doch danach wird die Musik zu einer entführenden Reise, ein kleines Wunder, das man nicht kommen hört. An diesem Punkt durchströmt die Musik den Körper wie Blut und Atem. Die Fantasie wird beflügelt, als wäre eine Sperre aufgehoben worden. Plötzlich eröffnet sich der Zugang zum Göttlichen. An diesem Punkt wird „The Will of Tongues“ mehr als die Summe seiner Teile; es wird zu einem Transportmittel, das an Seelenwanderung denken lässt.
„The Will of Tongues“ nutzt tiefe Intervalle, um tiefe Begegnungen anzuregen. Die Elemente sammeln sich an wie Sandkörner oder die Sprossen auf Jakobs Leiter. Davachis Stimmungen schaffen Raum, damit das Göttliche eintreten und wahrgenommen werden kann, wodurch das Album letztlich über sich selbst hinauswächst und die Musik als Weg, als Portal, als offene Tür erscheinen lässt. (Richard Allen)
© A Closer Listen, 24.8.2026