Bad Alchemy Musiktipp: Anna Webber – it’s easier to imagine the end of the world… / Intakt Records

Von Rigobert Dittmann. It’s Easier to imagine the end of the world… seufzt ANNA WEBBER im großen Verbund mit Ryan Easter: Trumpet, Yuma Uesaka: Clarinet, Contrabass Clarinet, S. Sax, Ingrid Laubrock: T./S. Sax, DoYeon Kim: Gayageum, Mary Halvorson: Guitar, David Virelles: Piano, Chris Tordini: Bass und Ches Smith: Drums & Chimes.

Brooklyn macht das möglich. Das titelgebende Zitat lautet vollständig „Es ist leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“ und flipperte von Fredric Jameson zu Slavoj Žižek zu Mark Fisher zu Webber. Mit ‚Corporate Tax as a Percentage of Total Federal Revenue in the US, 1952, 1975, and 1998‘ zitiert die Saxophonistin aus Vancouver Naomi Klein. ‚Agitation as the Goal‘ greift George Saunders‘ Kritik an der Manipulationskraft der (A)sozialen Medien auf. (Much of immediacy’s lure rests in the) ‚Momentary Compensatory Solidities of Imagined Contact with an Imagined Real‘ bezieht sich auf Anna Kornblus Diagnose, dass in der flach und schnelllebig zugerichteten Welt, in der alles sofort verfügbar sein und ständig im Fluss bleiben muss, Reflexion, Ironie und künstlerischer Distanz abhanden gekommen sind.

‚X (Fourth Future)‘ bezieht sich auf Peter Frase und den ‚Degrowth-Kommunismus‘, für den Kohei Saito plädiert in „Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“ und „Marx im Anthropozän. Ideen für die postkapitalistische Gesellschaft“. Mit (It is in collectivities that we find) ‚Reservoirs of Hope and Optimism‘ von Angela Davis wird zuletzt der Gegenpol zum grassierenden Narzissmus, Konsumismus und Hirnschiss bestärkt. Alle Stücke nehmen sich 10 bis 15 Min. Zeit für Reflexion und Hoffnung und vermitteln das zugleich. Insistent, mit markanten Röhrenglockenschlägen, schrillem Ächzen, fernöstlichem Arpeggio, Regenbogenfarben.

Die individuellen Statements eingebunden in kollektives Stakkato, gemeinsames Träumen, Rumoren und Zupacken. Mit Piano und vogeligem Flöten jazzig und mitreißend. Als eindringliche, ostinate Gegenagitation mit sopranistischer Flügelzange und Gayageum. Mit Kornblu, Lacan, Melancholie, die vom Piano ausgeht, aber konterkariert wird von unfassbarer Trompete,
Gepolter, aufgekratztem Alltogether. Mit Pizzicato, jacobinischem Frohsinn und akzelerationistisch rockend geht es gen X. Und zuletzt stiftet die Trompete gegen nochmal dissonante Röhrenglocke und Sägebass den Optimismus, der das Kollektiv in Schwung bringt und selbst die murrende Kontrabassklarinette ansteckt. Bei Webber stehen Euphorie, Hysterie und Resignation im Raum. Mich alten Miesepeter dürft ihr nicht fragen.

© Bad Alchemy 135, alle Texte: Rigobert Dittmann

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