Bon Iver: 22, A Million
Nach hören …
Was richtet der Erfolg nur an? Auch Justin Vernon, der Mann hinter dem Indie-Projekt Bon Iver, zählt jetzt zu den Musikern, die aus einer depressionsbedingt vieljährigen Auszeit heraus zum Comeback ansetzen. Genaueres weiß Max Fellmann von der SZ, der sogar von einsamen, ratlosen Strandspaziergängen des Künstlers berichten kann.
Vernons eskalierende Flirts mit der Elektronik lassen ihn allerdings zunächst um die Intaktheit seines Abspielequipments fürchten, schließlich findet er sie bloß „durchwachsen“: Das Album klinge, „als würde jemand probieren, was sich mit einem Sampler so anstellen lässt. Tastend, suchend. Das Gegenteil eines beherzten Auftritts. Dann setzt Vernons Falsett ein, zum Chor verdoppelt, verdreifacht, wehmütig. Alles vertraut, für einen Augenblick – aber das Stück bricht nach einer Strophe wieder ab, zerfällt, mäandert, blutet aus. … Das Problem ist: Wenn einer ununterbrochen Haken schlägt, werden die Haken erwartbar.“
Nadine Lange vom Tagesspiegel staunt über Vernons Konzept, „einer Art futuristischem Soul-Ansatz“: „Größte Innerlichkeit durch extreme Künstlichkeit. Auf die Spitze treibt er es in der Autotune-A-capella-Nummer ‚715 Creeks‘, die so klingt, als weine ein liebeskranker Roboter sich am Flussufer die Augen aus dem Blechschädel. Absolut anrührend.“ Und für Markus Schneider von derBerliner Zeitung ist diese Platte zweifelsohne eine der wichtigten des Jahres: „Unfassbar und großartig und schön, wie dieser Künstler den wärmsten und menschlichsten Ausdruck im Quäken des Computersfindet.“ Guia Cortassa von The Quietus fühlt sich unterdessen an ihre Deleuze/Guattari-Lektüren erinnert. Und im New Yorker seziert Hua Hsu die neue Stimme Justin Vernons. Kurz: Das ist eine Hörprobe wert.
© Texte: Perlentaucher