Free Jazz Collective Musiktipp: ! The Avant Garde Flamenco Trio – Lunar ! / Redshift Records
Von Nick Ostrum. Lunar war für mich eine kleine Überraschung. Der Name der Band fand ich ansprechend und irgendwie geheimnisvoll. Also lud ich die Musik auf meinen Mediaplayer und drückte auf „Play“.
In den ersten fünf Minuten konnte ich nicht recht fassen, was da vor sich ging. Die Musik klang lateinamerikanisch. Die Gitarre hatte diesen unverkennbaren andalusischen Flair und einen gefühlvollen Glanz. Die Trompete schmetterte mit ähnlicher Schärfe, mal verblasste sie in einen Stil, der an die späteren elektroakustischen Produktionen von Dennis Gonzalez erinnerte, mal trat sie mit Fanfaren in den Vordergrund. Dann drang eine seltsam vertraute Stimme durch, die in rauem Spanisch sang. Gerade in den weitläufigen, unmelodischen Passagen begann ich, die leicht schrägen Kadenzen und Tonleitern wahrzunehmen, die ebenso sehr an die Weiden Mesopotamiens wie an die mexikanischen Graslandschaften erinnerten. Da dämmerte es mir: Das ist Emad Armoush.
Ich habe bereits früher über Armoush geschrieben. Er hat in Gordon Grdinas „Haram“ und in seiner eigenen Band „Rayhan“ gespielt, die beide starke Wurzeln im Nahen Osten haben. Im „Avant Garde Flamenco Trio“ hat Armoush seine sechsköpfige „Rayhan“-Gruppe auf einen Kern von drei Musikern reduziert: JP Carter an Trompete und Elektronik, Kenton Loewen am Schlagzeug und Armoush selbst an Gitarre, Oud und Gesang. Das Ergebnis ist absolut fesselnd.
Der Titel Lunar ist bezeichnend. Laut Per Armoush handelt das Album mehr vom Nahen Osten als von seinem potenziellen spanischen oder lateinamerikanischen Terrain. Es handelt von Krieg, Konflikt und Leid. Die oben erwähnten Weiden haben sich in eine karge Mondlandschaft aus Raketeneinschlagskratern, verkümmerter und verkohlter Vegetation verwandelt, in der jegliches Leben – die Bauernhöfe, die Tiere, die Ernten, die Fellachen, die Dörfer – verschwunden ist. Doch gerade der Akt des Gedenkens, der Klage, ist zugleich ein Akt des Lebens, der auch ohne echte Mondlandschaft auskommt. Ein wahres Geschenk, auch wenn es von Leid und Tragödie zerrissen ist.
© Free Jazz Collective, Alle Texte: Nick Ostrum, 17.6.2026