Musiktipps

Für Ingrid Laubrock

Ich bin sicher nicht der Einzige, der die Saxofonistin und Komponistin Ingrid Laubrock zu den wichtigsten Stimmen im internationalen Jazz zählt. Ihre Neugier lässt keine Langeweile aufkommen und ihre Konzerte sind Feste des freien Jazz. Hier folgt ein Text von Andrian K., der schon lange online sein sollte. Aber besser spät als nie.

Mit zwei unvergesslichen Abenden in New York zeigt die deutsche Avantgarde-Saxofonistin Ingrid Laubrock, warum sie zu den Giganten des Jazz gehört – selbst ihr Kompagnon von „Wilco“ kann da nur staunen.

Es klang wie ein feiner Witz der Musikgeschichte: Der Mann, der als Gitarrist bei Wilco die Konsensmusik des „Dadrock“ miterfand, geht völlig neue Wege mit einer Virtuosin der Avantgarde, um mit ihr jene Verstörungsmusik zu spielen, die man Free Jazz nennt. Was Nels Cline und die gebürtige Münsterländerin Ingrid Laubrock im Kellerclub Le Poisson Rouge im Greenwich Village dann aber an Ideensplittern hin und her schossen, ließ den schwierigen Ruf des Genres glatt vergessen – besonders Laubrock blies die versammelten New Yorker Rocksnobs glatt aus den Stiefeln.

Wilco waren Mitte der Neunzigerjahre eine der ersten Bands, die mit postmodernen Zitaten den Rock erneuerten. Da konnte es wohl nicht ausbleiben, dass Nels Cline in seiner Zweitkarriere als Jazzgitarrist auf Ingrid Laubrock stieß, und mir ihr zu den großen Befreiungsschlägen des 20. Jahrhunderts vordrang. Ornette Coleman funkelte da durch, der späte Coltrane, Albert Ayler (bei ihr), James „Blood“ Ulmer, Sonny Sharrock, Bill Frisell (bei ihm). Allesamt Verstörungsmusik, die noch heute verstört. Für einen Rockstar ist das ein Wagnis. Auf dem dünnen Eis der Avantgarde funktionieren keine Tricks, Riffs und Licks. Da zählt nur die nackte, rohe Persönlichkeit. Wer keine hat, macht Lärm. Schon gewagt – jemanden zu holen, der musikalisch und technisch so überlegen ist.Den gab es aber nicht, um jede Häme gleich im Keim zu ersticken. Drei Jazz-Alben hat Cline schon fürs legendäre Blue Note-Label aufgenommen, eine ganze Menge mehr für kleinere Labels, bevor er vergangenes Jahr für das neueste mit dem Titel „Consentrik Quartet“ mit Laubrock, dem Bassisten Chris Lightcap und dem Schlagzeuger Tom Rainey ins Bunker Studio in Brooklyn ging. Lightcap und Rainey standen dann auch an diesem Abend ihrer Tour mit auf der Bühne.

Laubrock und Cline verstehen sich beide auf die Kunst der kubistischen Moderne mit ihren Verzinkungen und kantigen Dialogen, die Coleman und Don Cherry so genialisch prägten. Das Quartett funktionierte bei ihnen sehr ähnlich als Ensemble. Freiraum gab es für die Einzelnen, aber keine Eskapaden. Auch wenn Laubrock im Zentrum der Truppe steht – das muss man sich als Rockstar erst mal trauen, jemanden zu holen, der musikalisch und technisch so überlegen ist.

Nun hatte man als einer der wenigen im Club, die eigentlich wegen Ingrid Laubrock gekommen waren, insgeheim doch gehofft, dass die Verstörung auch wirklich verstört. Und optisch sah das Publikum im Poisson Rouge tatsächlich so aus, als drohe ihm hier eine gewaltige Herausforderung. Das war eindeutig Nels Clines Fanbase. Viele Hornbrillen, Holzfällerhemden, Kappen und vor allem Männer. Die meisten im mittleren bis fortgeschrittenen Alter. Dads eben.

Wobei New York natürlich die Welthauptstadt der Rocksnobs ist, jener Erbwalter des Herrschaftswissens und der überkultivierten Geschmacksmuster, wie sie einst der notorisch kritische Rockkritiker Lester Bangs als erste Form des Pop-Intellektualismus prägte. Selbst Dads können hier Coleman, Coltrane und Miles rauf und runter, die Trennlinien zwischen den Genres sind nicht so scharf wie in Europa. Deswegen gab es auch bei den anspruchsvollsten Kollektivimprovisationen und Clusterwänden nicht nur Applaus, sondern Jubel!

Cline kündigte dann nach einer Stunde an, dass es wie bei jedem guten Clubgig kein Konzert, sondern zwei Sets gibt. „Vielleicht habt ihr ja gerade ein bisschen Stress?“ Gelächter. Ja. Stress haben sie in Amerika alle, kein Grund gleich ins politische Detail zu gehen, denn: „Es gibt keine bessere Art, das abzuschütteln als mit zwei Sets dieser Musik. “Wie virtuos Ingrid Laubrock ist, zeigte sie dann gleich zu Beginn des zweiten Sets bei einem Duett mit dem Drummer Tom Rainey. Da wirbelte sie Präzisionskadenzen aus dem Tenorsaxofon, wie das sonst höchstens Supervirtuosen wie Joshua Redman, Chris Potter können, oder früher mal Michael Brecker. Um dann immer wieder zu neuen Ausdrucksformen zu finden. Sprühregen aus Tönen, die man auf ihrem Instrument zum Teil noch nie gehört hat, selten als Ausbruch, immer als Teil einer inneren Dramaturgie.

Wie sie diese Doppeltöne erzeugt, ihr Instrument zur Zweistimmigkeit bringt?Genau das macht Laubrock seit einigen Jahren zu so einem Solitär im Jazz, den bisher noch viel zu wenige im breiteren Publikum wahrgenommen haben. Cline versuchte da gar nicht erst, mitzuhalten, aber seine Splitterwalze aus Feedback, Flageoletts und Verzerrungen war durchaus eine angemessene Antwort. Um sich dann in seine eigenen Skalen und Läufe zu katapultieren, zu denen Laubrock dazukam, dann die Rhythmusgruppe, vereint in einem jener Crescendi der Intensität, die freie Musik live so aufregend macht. Akzent, Crash, Stille. Cline kommentierte das mit einem lässigen „Yeah“.

Nun gab es immer schon Rockstars, die sich neu erfinden konnten, ohne sich zu verlieren. Dylan, Bowie, die Beatles. Selten mit so einer Radikalität. Vielleicht erklärt das auch die Nachhaltigkeit, mit der Wilco seit über dreißig Jahren den Rock geprägt haben. Wahrscheinlich wäre das ein Thema, das man über viele Biere hinweg mit den Rocksnobs diskutieren könnte. Die unterhielten sich aber an der einen Ecke des Bartresens über Ingrid Laubrock, fragten sich zum Beispiel, wie sie diese Doppeltöne erzeugt, mit denen sie ihr sonst monophones Instrument zur Zweistimmigkeit bringt. Einer wusste es. Natürlich. Und demonstrierte diese Kunst des Ansatzes tölpelhaft erfolglos mit einer Bierflasche. Sie waren sich aber einig, dass sie gerade eines der besten Konzerte dieser Saison gesehen hatten. Der Schlussjubel bestätigte, dass das keine Minderheitenmeinung war. Ja doch, in New York weiß ein Club voller Rocksnobs instinktiv, wenn ein neuer Star geboren wird, auch wenn Ingrid Laubrock in anderen Welten schon länger strahlt.

Angekommen ist Ingrid Laubrock in dieser Stadt schon vor einiger Zeit, und nicht nur wohnorttechnisch. Zwei Tage nach dem Triumph im Poisson Rouge saß sie im Roulette mit fünfzehn anderen auf der Bühne. Das ist seit 1978 ein Tempel der Avantgarden, erst in einem Loft im südlichsten Downtown Manhattan, dann in SoHo, immer auf der Flucht vor den Mietpreisen, bis das ehemalige Theater in Brooklyn zur Heimat wurde. Laubrock war an diesem Abend eine aus der Schar der freien Geister New Yorks, angeführt von Wayne Horvitz, sonst Pianist, aber an diesem Abend am Dirigentenpult.

„Conduction“ nennt sich die Technik, mit der der vor elf Jahren verstorbene Kornettspieler Butch Morris eine neue Ordnung in die freie Musik brachte. Wer am Pult steht, ist dabei eine Mischung aus Spontankomponist und Coach. Mit gefühlt zehnmal so vielen Handzeichen wie ein Baseballspieler wies Horvitz die Musizierenden in ihre Richtungen und Freiräume. Diese Art des Improvisierens hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel weiter entwickelt. Mit Partiturfragmenten und Popzitaten (James Brown, Sister Sledge, The Bangles) schuf Horvitz orchestrale Klangbilder voller Harmonie, die er dann wieder aufbrechen ließ.

Ingrid Laubrock saß im Zentrum der ersten Reihe, nicht als Solistin, aber als Anker für Horvitz, der die anderen Musizierenden gelegentlich um ihre Virtuosität herumwirbeln ließ. Das war kaum zu hören, eher zu spüren. Die Gemeinschaft steht in dieser Sorte Musik über fast allem. Das kann man in diesen Zeiten auch ganz gut gebrauchen. Und Ingrid Laubrock zeigte, wie man auch mit Virtuosität im Kollektiv bleiben kann. „Tenor Giants“ nannte man Figuren wie sie früher mal. Die mussten sich nie nach vorn spielen – denn vorn ist immer da, wo sie gerade sind.

Text von Andrian Kreye

© Süddeutsche Zeitung, 18.4.25

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