Musiktipps

Für Tony Oxley. Ein Nachruf von Johan Hauknes (saltpeanuts)

Da es leider nur sehr wenige Nachrufe auf diesen außergewöhnlichen Musiker gibt, habe ich den von Johan Hauknes aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzen lassen. Es wäre doch schade, wenn er ungelesen bliebe.

Tony Oxley ist im Alter von 85 Jahren am zweiten Weihnachtsfeiertag 2023 verstorben.

Tony Oxley wurde am 15. Juni 1938 in Sheffield geboren, auf halbem Weg zwischen London und Newcastle. Schon in jungen Jahren lernte er den Gitarristen Derek Bailey kennen, und gemeinsam mit einer jungen Gemeinschaft hauptsächlich englischer Musiker trug er dazu bei, nicht nur neue Musik, sondern auch neue musikalische Ausdrucksformen zu schaffen.

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre war er mehr oder weniger der reguläre Schlagzeuger im Ronnie Scott’s Jazz Club und spielte mit vielen der großen Namen, die dort auftraten, wie Joe Henderson, Sonny Rollins und einer Reihe von anderen. Im Jahr 1972 ging er mit Bill Evans auf Europatournee.

Aber Oxley war nicht dazu bestimmt, ein Mainstream-Schlagzeuger zu werden. In der jungen englischen Jazzszene, mit Oxley, Bailey, Evan Parker, Barry Guy und nicht zuletzt Kenny Wheeler, erkundete Oxley die Schnittstelle zur frei improvisierten Musik. Oxley wurde zu einer zentralen Stimme in der europäischen Erneuerung des Jazz von Ende der 1960er bis in die 1970er Jahre. 1970 gründete Oxley zusammen mit Bailey und Parker das Plattenlabel Incus. Wo die deutsche Free Jazz-Szene die Freie Musik Produktion (FMP) hatte, hatte die britische Szene Incus. Das Label wurde in den nächsten Jahren zu einem zentralen Schauplatz für die Veröffentlichung einer Reihe von Alben des englischen und britischen Free Jazz.

Oxleys erste Gelegenheit, an einer Studioaufnahme teilzunehmen, war 1967 mit dem Quartett des Pianisten Gordon Beck. 1969 trat Oxley der Band von John McLaughlin bei. In diesem Jahr veröffentlichte Oxley auch sein erstes Album unter eigenem Namen, The Baptised Traveller, mit Evan Parker am Tenorsaxophon, Kenny Wheeler an Trompete und Flügelhorn, Derek Bailey an der Gitarre und Jeff Clyne am Bass. Wenn Sie die Band noch nicht kennen, sollten Sie sich das Album besorgen. Die auf diesem Album enthaltene Version von Charles Marianos „Stone Garden“ – mit dem Oxley übrigens in den 1960er Jahren ebenfalls zusammenspielte – ist ein intensives, schönes, meditatives Erlebnis.

Ich selbst habe Tony Oxley zum ersten Mal im November/Dezember 1969 mit der vom deutschen Jazz-Papst Joachim-Ernst Berendt gegründeten Band im Rahmen des wahrscheinlich dritten Neuen Jazz-Treffens des Südwestfunks in Baden-Baden auf Platte gehört. Er war dort unter anderem mit Kenny Wheeler, John Surman, Terje Rypdal und Karin Krog, Palle Danielsson, Eje Thelin, Lester Bowie, Roscoe Mitchell und Bernt Rosengren. Auszüge aus insgesamt fünf Stunden Musik, die bei drei Konzerten präsentiert wurden, wurden 1970 auf dem MPS-Album Gittin‘ to Know Y’all veröffentlicht.

Nur einen Monat nach den Konzerten in Baden-Baden waren Oxley und Wheeler zusammen mit Evan Parker, Derek Bailey, Barry Guy und Manfred Schoof im NDR-Studio in Hambug, wo der deutsche Jazz-Kardinal Michael Naura für den norddeutschen Radiosender an einem Projekt namens Convolution arbeitete. Als wäre das nicht genug, war Oxley drei Monate später wieder im Studio 10 des NDR, um zum ersten Mal mit Tomasz Stanko zu spielen. Tony Oxley war auch Teil von Stankos neuem Quartett, als dieser seine fantastische Reihe von Platten bei ECM begann. In den Jahren 1993-96 bestand das Quartett aus Stanko und Oxley zusammen mit Bobo Stenson und Anders Jormin. Dieses Quartett veröffentlichte zwei großartige ECM-Alben, Leosia und Matka Joanna. Deren Klang – unnachahmlich gedreht von Jan Erik Kongshaug – versetzt mich sofort in die Mitte der 1990er Jahre zurück.

In den frühen 1970er Jahren war Oxley (natürlich) dabei, als das London Jazz Orchestra das Licht der Welt erblickte. Eine Werkstatt für die Schaffung neuer Musik, die dem deutschen Globe Unity Orchestra und dem niederländischen Instant Composers Pool Orchestra in nichts nachsteht.



Von 1989/90 bis weit in die 2000er Jahre hinein spielte er mit Cecil Taylor. Oxley wurde zunächst Mitglied von Taylors Feel Trio mit dem Bassisten William Parker und spielte – oft als Duo – mit Cecil Taylor mehr oder weniger regelmäßig bis in die letzten Jahre vor Taylors Tod im Jahr 2018. Auch mit Paul Bley und Anthony Braxton hat er mehrfach gespielt. Natürlich hat er auch mit den meisten deutschen Free-Jazz-Musikern gespielt, mit Peter Brötzmann, Alexander Schlippenbach und einer Reihe anderer. Im Jahr 2000 gründeten Ivar Grydeland und Ingar Zach das neue Musiklabel SOFA. Ihre erste Veröffentlichung war die Scheibe Triangular Screen mit Konzertmitschnitten aus Kongsberg und Blå. Die Aufnahmen entstanden mit dem Trio Tony Oxley Project 1, bei dem neben Oxley Grydeland an der Gitarre und Tonny Kluften am Bass mitwirkten.

Die letzte musikalische Spur von Tony Oxley scheint eine Aufnahme vom Jazzfestival in Viersen Ende September 2022 zu sein, die passenderweise auf dem Label Discus veröffentlicht wurde, das in Oxleys Geburtsort Sheffield gegründet wurde. © Text: saltpeanuts, 26.12.2023

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