„Mutter Medea“ Mythos, Mord und Exil
Von Harry Lachner
Wer ist Medea? Eine Mutter, die ihre Kinder tötet. Ein Frau, die aus Liebe zu einem Mann ihren Bruder schlachtet. Keine Griechin, eine Fremde. Aber Medea ist auch die entfesselt Liebende, die sich den Regeln einer Männergesellschaft widersetzt; sie ist die verachtete und gefürchtete Fremde – die „Barbarin“, gezeichnet von der Dunkelheit ihrer Haut. Während einige Mythen nur noch Altsprachler interessieren, fasziniert diese Figur bis heute. Tatsächlich erfuhr im Lauf der Jahrtausende dieser Mythos in Romanen, Erzählungen und Theaterstücken eine beständige Überschreibung und Neuformulierung: durch Euripides, Seneca, Hans Henny Jahnn, Pier Paolo Pasolini, Helga M. Novak und Christa Wolf, um nur einige zu nennen. Der Blick auf sie wandelte sich radikal: Während Euripides ihr noch die Würde einer tragischen Figur zugestanden hatte, stilisiert Seneca sie zum Schreckbild einer kindermordenden Furie. Frau und fremd, also doppelt schuldig. An diesem Schuldspruch arbeiteten sich neue Texte ab. Hans Henny Jahnn etwa machte sie zu einer Schwarzen, die am Rassismus ihrer Umgebung scheiterte, Helga M. Novak erklärt den ganzen Mythos zu einem Gräuelmärchen, das ein Lohnschreiber namens Euripides verfasst hat. Medea ist nicht bloß vermindert schuldfähig, sie hat die Tat nicht einmal begangen. Was aber wird aus dem Mythos, wenn der Mord wegfällt?
© Bayern2, Nachtstudio,8.12.2015