Willkommen in Denseland! Ein vorwärtstreibender Groove, ein pochender Puls, dazu viele Loops, und über allem schwebt die Stimme von David…
Sowohl Hannes Strobl als auch Harrvöl setzen sich in ihrer Kunst mit der Wirklichkeit auseinander. Strobl macht Field Recordings rund um Innsbruck und kreiert daraus etwas Neues. Harrvöl setzt sich mit dem Unbehagen über den Zustand unserer Welt, die täglichen Katastrophen und die Erschütterung über die Macht Einzelner, die sie zur ihrer Musik drängen, auseinander.
Viele sind verunsichert. Werde ich morgen durch eine KI ersetzt? Oder habe ich überhaupt noch einen Job? Schlägt demnächst hier eine Rakete ein? Die Probleme unserer Zeit sind sehr ernst. Diese Musiker beschäftigen sich damit auf ihre eigene künstlerische Art und Weise. Es lohnt sich, die früheren Alben der beiden Musiker zu hören.
Hannes Strobl beschäftigt sich intensiv mit urbanen Klangräumen sowie der Interaktion zwischen Klang und architektonischem Raum. „Resonance IBK!“ – das ist Musik, die von der Umgebung in der Heimat inspiriert wird. Ob es nun die Berge, die Stadt oder die Autobahn sind, all das findet seinen Ausdruck in den Klängen. Die eigenen Feldaufnahmen sind die Ausgangsbasis für seine Kompositionen. Hier geht es nicht um melancholisches Erinnern oder Verklärung. Hier geht es um Schroffheit.
Dabei hatte ich mitunter das Gefühl, dass ganze Berge ins Tal stürzen. David Moss wiederzuhören, hat mich sehr gefreut. Wie er all diese Materialien mit den Instrumenten zusammenbringt und dazu noch die vier Posaunen einsetzt, ist wirklich stark und hat mich sehr beeindruckt. Ein imposantes Hörabenteuer!
Innsbruck in Österreich war schon immer ein Knotenpunkt, da es am Fluss Inn liegt (sein Name bedeutet wörtlich „Brücke über den Inn“). Heute wird die Stadt von Autobahnen, Eisenbahnstrecken und Flugwegen durchzogen. All diese Verkehrswege erzeugen laut Hannes Strobl eine besondere Atmosphäre, was auf das tiefe Tal zurückzuführen ist, in dem die Stadt liegt, mit den Karwendel-Alpen im Norden und dem Patscherkofel sowie der Serles im Süden. „Jedes Jahr passieren Millionen von Fahrzeugen das Tal und erzeugen eine kontinuierliche Klangpräsenz, die durch die umliegenden Gebirgszüge verstärkt wird“, schreibt er. „Das Aufwachsen in dieser bergigen Umgebung hat meine Wahrnehmung von akustischem Raum, Entfernung und Resonanz geprägt.“ Für „Resonance IBK“ nahm Strobl an verschiedenen Orten im Tal die Geräusche von Autos, Zügen und Flugzeugen auf und fügte sie zu Kompositionen zusammen. Musikalische Strukturen entstehen aus den Unterschieden in Resonanz und Atmosphäre, die innerhalb der Stadt oder über ihr auftreten, und diese werden durch Bassgitarre, Kontrabass und Hörner akzentuiert. All diese surrenden Motoren und rauschenden Fahrzeuge, zusammen mit David Moss’ gemurmelten, paranoiden Gesangspassagen, rufen ein unbehagliches Gefühl hervor, still zu sitzen, während die Welt um einen herum rast – ein Gefühl, das der heutigen Zeit sehr angemessen ist. – Matthew Blackwell (Bandcamp)
Eine Anmerkung von Hannes Strobl
Die Berge bestimmen den sichtbaren Horizont. Akustisch hingegen erlebe ich diese Landschaft als einen Raum, der vom Verkehr geprägt ist: Autobahn, Eisenbahn, Flugverkehr und Wind. Jedes Jahr durchqueren Millionen von Fahrzeugen das Tal und erzeugen so eine kontinuierliche klangliche Präsenz, die durch die umliegenden Gebirgszüge verstärkt wird.
Das Aufwachsen in dieser bergigen Umgebung hat meine Wahrnehmung von akustischem Raum, Entfernung und Resonanz geprägt. Von oberhalb des Tals bilden entfernte Klänge ein einheitliches Klangfeld. Beim Abstieg in Richtung Talsohle entfaltet sich dieses Feld allmählich in unterschiedliche Schichten und einzelne Klangquellen.
Ich lausche diesen Räumen, während ich mich durch sie bewege. „Resonance IBK“ basiert auf Feldaufnahmen, die ich an diesen Orten gemacht habe. Ich nutze die Aufnahmen eher als Kompositionsmaterial denn als Dokumentation. Aus dem Zusammenspiel von Infrastruktur, Topografie und Atmosphäre entstehen mikrotonale, spektrale und rhythmische Strukturen. Das musikalische Material für E-Bass, Kontrabass, Stimme und Elektronik entwickelt sich direkt aus diesen Klangfeldern.
Instrumentale und aufgenommene Klänge verschmelzen zu sich wandelnden akustischen Umgebungen, in denen Klangquelle und Transformation untrennbar miteinander verbunden sind. Das Werk entfaltet sich in fünf Teilen: Eisenbahnstrecke, Autobahn, Stadtzentrum sowie die beiden Seiten des Tals, die gleichzeitig aus beiden Perspektiven aufgenommen wurden. Zwischenspiele für vier Posaunen verbinden die größeren Abschnitte miteinander. Natürliche und technologische Klangschichten überlagern sich, verschieben sich und verbinden sich neu innerhalb eines dynamischen Resonanzfeldes.
Haarvöl ist ein portugiesisches Kollektiv aus drei Mitgliedern: Fernando José Pereira, João Faria und Rui Manuel Vieira.
Für Haarvöl sind es die Verwerfungen unserer Zeit – diese Erschütterungen, die uns alle weltweit betreffen und bis in den Alltag greifen –, die sie in Musik umsetzen wollen. Wie reagiert man, wenn Gewissheiten sich in Luft auflösen? Wut, Angst, Verstörung? Es besteht eine Dringlichkeit zu reagieren, wie Haarvöl selbst schreiben. In diesem Zusammenhang sprechen sie auch von „Unanästhesie”. Dabei geht es darum, durch das Freilegen von Schönheit zugleich den Schmerz sichtbar zu machen, den sie nicht verdecken kann, und somit eine Konfrontation mit der Realität zu provozieren. Wie das klingt …? Findet es selbst heraus. Ich bin jedenfalls sehr bewegt und empfehle dieses Album uneingeschränkt!
„Overflowed Shelters“ ist eine der vielen möglichen Reaktionen auf die Traurigkeit und Wut, die die Realität im Jahr 2024 in uns geweckt hat. Wir befinden uns immer noch in diesem Zustand und werden Zeugen von etwas, von dem wir nie geglaubt hätten, dass wir es jemals erleben würden. Und doch konfrontiert es uns täglich und dringt langsam in unser Innerstes ein. Dieser Drang zu reagieren entspringt unserem Innersten und drängt sich uns als Notwendigkeit auf. Wir haben unsere Klänge komponiert und aufgeführt. Nun werden sie veröffentlicht und begeben sich metaphorisch auf eine Reise, um andere in Form einer sehnsüchtigen Geste zu erreichen – jener einzigartigen Geste, die uns verunsichert und bewegt, denn sie trägt eine Vision von Schönheit in sich, die nur die Kunst offenbaren kann. Wir nennen sie „Unanästhesie“.*
*Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort „anaesthesia“ ab, das sich ursprünglich auf die Verleugnung von Schönheit bezog. Im 19. Jahrhundert erhielt er eine neue Bedeutung, die bis heute gebräuchlich ist: die Verleugnung von Schmerz. Er gründet also auf der Vorstellung, dass man durch das Aufdecken von Schönheit auch Schmerz aufdeckt und dadurch eine Konfrontation mit der Realität provoziert. © Text: Liner Notes.



