Release Tipps

Release Tipp: LOOM & THREAD – Dispersion / Macro

Nennen wir es „Future Jazz”, weil ihre Musik für mich zukunftsweisend ist. Philip Zoubek, Simon Lucaciu ist auch dorthin unterwegs, ebenso einige andere Musiker. Ich schätze, dass diese Musik vielen traditionellen Jazzfreunden zu abwegig ist. Aber Neues stieß schon immer auf Abwehr, das hat sich in der Geschichte der Musik aller Genres immer wieder gezeigt.


Ich möchte Daniel Klein hervorheben, denn wie er am Schlagzeug auf die quirligen Sounds und Samples von Tom Schneider reagiert, hat eine Qualität, die ich so noch nicht gehört habe. Hier spielt eine neue Generation, deren musikalischer Hintergrund Lichtjahre von meinem entfernt ist, und das ist spannend zu hören. Letztens hörte ich Herbie Hancocks „Headhunter” wieder. Dieses Album mochte ich noch nie, doch jetzt gut 40 Jahre später klingt diese Musik für mich, zu meiner Verblüffung, ganz anders. Ich glaube, dass es mit der Musik von Loom & Thread genauso sein wird. Was hier an Sounds, Samples, Polyrhythmik aufeinanderprallt und sich überlagert, scheint unvereinbar, und ist es doch nicht. Also: Ohren auf!

Daniel Klein (Schlagzeug), Tobias Fröhlich (Kontrabass) und Tom Schneider (Keyboard, Sampler) bleiben die einzigen Akteure auf der Bühne und auf der endgültigen Aufnahme. Das Dreieck bleibt bestehen. Und doch hat sich das Feld erweitert. Für ihr zweites Studioalbum hat das Trio seine Improvisationen mit den klanglichen Signaturen von Gastmusikern am Saxophon und Vibraphon angereichert – nicht nur als zusätzliche Stimmen, die hervorgehoben werden sollen, sondern auch als Material, das aufgenommen, zerlegt und neu verteilt wird. Das Ergebnis ist keine Erweiterung, sondern eine gründliche Brechung.

Während das Debütalbum das rekursive Labyrinth von Schneiders Live-Sampling seines eigenen Klaviers erforschte, führt „Dispersion“ eine externe Komponente in das Rückkopplungssystem ein. Atem und Metall. Turbulenzen der Stimmzunge und angeschlagene Resonanz. Das Trio samplte ausgedehnte Improvisationen von Saxophon- und Vibraphonisten: Victor Fox, Asger Nissen, Volker Heuken und L&Ts eigener Daniel Klein; es zerlegte deren Anschläge, Obertöne und Ausklingkurven und integrierte diese Fragmente in die internen Schaltkreise des Trios. Was entsteht, ist ein Spiel von Präsenzen ohne Körper – instrumentale Geister, die durch das dichte Gewebe aus Rhythmus und Tasten zirkulieren.

Loom & Thread: Tom Schneider, Tobias Fröhlich, Daniel Klein © Foto: Lukas C. Diller

Zunächst hört man vielleicht die vertraute relationale Spannung: Kleins polyrhythmische Elastizität, die sich mit Fröhlichs spannungsgeladenen Kontrabassfiguren verflechtet, Schneider, der an der Schnittstelle zwischen Klangfeld und perkussivem Impuls balanciert. Doch schon bald zerbricht die Oberfläche – erneut. Ein Vibraphon-Schimmer taucht auf, doch sind keine Schlägel zu sehen. Ein multiphonisches Reed schießt durch die Textur und beugt den Raum zwischen Bass und Schlagzeug. Diese Ereignisse sind weder Zitate noch Überlagerungen; es sind umverteilte Energien, verstreut über die Grammatik des Trios. Es entsteht ein digitales, multidimensionales Zusammenspiel.

Entfaltete sich das erste Album als zweistufiges Spiel – Live-Phrase und gesampelte Reflexion –, fügt „Dispersion“ eine weitere Achse hinzu. Die gesampelten Materialien anderer Improvisatoren werden ihrer früheren wechselseitigen Interaktion entzogen und als formbare Partikel neu zusammengesetzt. Signifikant losgelöst vom Ursprung, Resonanz losgelöst von der Geste. Das Trio navigiert durch eine sich ständig verschiebende Topologie, in der akustisches Gedächtnis und elektronische Manipulation nicht mehr zu unterscheiden sind.

Entscheidend ist, dass das Album niemals die physische Dringlichkeit von drei Musikern aufgibt, die in Echtzeit reagieren. Die zusätzlichen Klangfarbenebenen verdichten die Textur nicht zu Undurchsichtigkeit; vielmehr führen sie scharfe Punkte und Pfeile der Beugung ein. Dichte öffnet sich zu prismatischer Klarheit. Linien spalten sich und gruppieren sich neu. Was wie ein Quartett oder Quintett wirkt, fällt zurück in drei Körper, die sich in einem erweiterten Feld bewegen.

Dies ist eine brillante und einzigartige Interpretation des Post-Jazz, mit Momenten wahrer Schönheit und atemberaubenden Passagen, die sowohl instrumentale Virtuosität als auch technologische Kreativität zeigen.- Peter Hollo, FBi Radio Sydney (AUS)

Bei „Dispersion“ geht es nicht um Addition, sondern um Verteilung – von Handlungsmacht, von Klangfarbe, von zeitlicher Perspektive. Es ist ein Album, auf dem die Trio-Besetzung zu einem Ort der Vielfältigkeit wird, ohne dabei ihre Unmittelbarkeit aufzugeben. Eine Auflösung nicht nur der Kluft zwischen gegenwärtiger Erfahrung und Erinnerung, sondern auch zwischen Innen und Außen, Selbst und Anderen.

Drei Musiker. Unzählige Vektoren. Eine Musik, die sich auflöst, um zusammenzuhalten.

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