„Wilde Erben“ The Brandenburg Project
Sechs Nachfolger von Johann Sebastian Bach antworten mit eigenen Stücken auf die „Brandenburgischen Konzerte“. Ein grandios gelungenes Experiment. Von Wolfgang Schreiber

In aller Welt bekannt und partiell auch ordentlich abgenudelt sind die „Brandenburgischen Konzerte“ von Johann Sebastian Bach, von Nummer eins bis sechs zum Mitpfeifen. Gerade ihre Unantastbarkeit fordert heraus, kann Klassikmusiker zur Abwehr aufrufen. Wie können sich Hörer, die längst davon ermattet sind, neu dafür inspirieren lassen? Durch Neuerfindung. So entstand „The Brandenburg Project“ in Skandinavien.
Der Dirigent Thomas Dausgaard und die Musiker seines Schwedischen Kammerorchesters hatten vor zwanzig Jahren eine Idee: Fragen wir doch mal sechs Komponisten der Gegenwart, ob sie Lust hätten, zu den sechs Konzerten Bachs je ein neues Stück zu erfinden. Mit einer Weisung nur: Da Bach seine 1721 dem Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg gewidmeten Kompositionen mit jeweils unterschiedlichen Soloinstrumenten bestückt hatte, sollten die Neuschöpfungen genau die gleichen Instrumente zum Klingen bringen. Die Originalbesetzungen müssten erhalten bleiben, doch ein einziges Soloinstrument könne durch ein anderes ersetzt werden. „Wie würde dieses wilde Experiment“, fragte sich damals Thomas Dausgaard, „sechs Komponistinnen und Komponisten gleichsam an einen Tisch zu bringen, ausgehen? Kann daraus ein sinnvolles Ganzes entstehen?“ So entstand „The Brandenburg Project“, das in Londons Royal Festival Hall 2018 bei den BBC Proms uraufgeführt wurde und jetzt als Drei-CDs-Album bei der Firma BIS erschienen ist.
© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 1.6.2021