Andrew Pekler: Der falsche Ethnograf
Andrew Peklers neues Album klingt nicht nur wie ein synthetischer Regenwald, es heißt auch noch „Tristes Tropiques“ – wie die berühmte Schrift von Claude Lévi-Strauss. Welcher unter diesem Titel jenen poetischen Reisebericht veröffentlichte, der strukturalistische Denkansätze weit über die Grenze wissenschaftlicher Disziplinen hinaus bekannt machte.
Interview: Andrew Pekler über sein neues Album „Tristes Tropiques“
Während Lévi-Strauss aber in Brasilien unterwegs war, sind Peklers traurige Tropen nicht das Ergebnis einer tatsächlichen Reise, sondern Klang gewordene Exkursionen durch imaginäre Landschaften. Es plätschert und zwitschert in seinen Tracks, ganz vorsichtig gesellen sich Klangflächen und fragmentierte Melodien dazu. Peklers Arbeit wirkt wie eine post-exotistische Unternehmung: In einer Welt, in der Exotik zu einer zunehmend nostalgischen Kategorie wird, verlegt Pekler das Unbekannte in ästhetische Konstruktionen und umgeht damit auch die Fallstricke des Ethnozentrismus. Ein Gespräch über Ethnografie und Exotica, über Organisches und Synthetisches.
Dein Album heißt Tristes Tropiques, nach dem Buch von Claude Lévi-Strauss. Damit machst du gleich einen recht großen Rahmen an Referenzen auf, die man beim Hören gedanklich mitschleppt. Was war die Motivation für diese Bezüge auf Ethnologie im Allgemeinen und Lévi-Strauss im Speziellen?
Erstmal habe ich schon immer Exotica gehört, vor allem amerikanische aus den 50er- und 60er-Jahren. Musik, die Fantasievorstellungen über „exotische“ Länder und Lebensweisen kreiert hat. Später interessierte mich dann verstärkt auch ethnografische Musik, also dokumentarische Aufnahmen so genannter traditioneller Musik. Beides ist ein starker Einfluss. Einige meiner früheren Produktionen funktionierten eher wie Nachahmungen solcher Inspirationen: Ich habe versucht, etwas zu erzeugen, was diese Musik bei mir als Hörer evoziert hat. Allerdings ist mir die Ethnografie auch als wissenschaftliche Methode nicht ganz fremd, weil meine Frau Ethnologin ist. Entsprechend ist unser Bücherregal bestückt. Ich komme damit also zwangsläufig in Berührung, gehe das jedoch autodidaktisch an. Ich lese Lévi-Strauss‘ ethnografische Beschreibungen daher eher wie Literatur – im Fall von „Traurige Tropen“ liegt das ja auch nah, weil es sehr schön, sehr essayistisch geschrieben ist. Allein dieser Titel ist ja schon wunderschön….
Andrew Pekler: Tristes Tropiques
© Das Filter, 3.11.2016 • SOUNDS – Interview: Christian Blumberg