Musiktipps

Free Jazz Collective: Ballister + Luke Stewart – Clocking the Wheel /Aerophonic Records

Von Martin Schray. Als ihr neuestes Album Smash and Grab erschien, habe ich frech behauptet, Ballister sei vielleicht die beste Band der Welt. An dieser Aussage halte ich nach wie vor fest, und was könnte für Dave Rempis und sein Label Aerophonic passender sein, als ihre 50. physische Veröffentlichung mit einer neuen Aufnahme dieser Band zu feiern?

Die einzige Frage, die sich im Vorfeld möglicherweise stellte, war: Wie lässt sich das Ganze zu etwas Besonderem machen? Die Antwort war relativ einfach: Man holt sich ein echtes Kraftpaket ins Boot, um dem Ganzen noch mehr Schwung zu verleihen. Und was könnte natürlicher sein, als dafür einen Bassisten einzuladen? Luke Stewart (bekannt von Irreversible Entanglements) war praktisch die naheliegende Wahl. Das bedeutet jedoch auch, dass die Erwartungen an eine solche Aufnahme unglaublich hoch sind.

Für Clocking the Wheel hätten Ballister das tun können, wofür wir sie alle lieben: einfach ihren berühmten Cocktail aus energiegeladener Musik, Speed Metal, Free Jazz und brutalistischer Kraft mixen, ihn uns direkt ins Gesicht schmeißen – und alle wären glücklich gewesen. Und natürlich liefern sie diese Mischung auch – aber sie zeigen zudem eine andere Seite. Vor allem im ersten Teil dieser Doppel-CD, „Carpet Joint“, wechseln sich Dave Rempis (wie immer an verschiedenen Saxophonen) und Fred Lonberg-Holm (Cello) drei Minuten lang so mühelos ab, dass man meinen könnte, man befände sich in einem Kammerkonzert. Zudem lassen sie Raum für Soli, zum Beispiel für den Perkussionisten Paal Nilssen-Love, der Rhythmen mit lateinamerikanischem Flair präsentiert und damit die Grundlage für zwei balladenartige Zwischenspiele legt – etwas, das wir von der Band nicht allzu oft zu hören gewohnt sind. Man wünscht sich jedoch sofort, dass sie das hin und wieder tun würden. Das Tüpfelchen auf dem i ist ein fast schon Evan-Parker-artiges Solo von Rempis und eine einminütige Hommage der Band an sich selbst, an eines ihrer eingängigsten Riffs (falls es so etwas in dieser Art von Musik überhaupt gibt). In diesem Stück, das die Band als Trio spielt, wird uns erneut vor Augen geführt, was Ballister so einzigartig macht: Es ist die Kombination dieser sehr unterschiedlichen Stile und Klänge, die Art und Weise, wie die Dynamiken ineinanderfließen und sich mühelos zu einem stimmigen Ganzen verbinden.

Schließlich stößt Luke Stewart bei „Sauce for the Goose“ dazu, dem zweiten Titel, der die gesamte zweite CD ausmacht, und man sieht sich einer veränderten Band gegenüber. Für Bassisten ist es nicht leicht, mit Ballister Schritt zu halten – mit der Kraft des Trios, seiner Radikalität, seiner Rohheit, seiner ungeschminkten Authentizität. Die Band könnte einen buchstäblich überrollen. Doch Stewart taucht sofort in den Sound von Ballister ein, findet den Anschluss an Nilssen-Loves Schlagzeugspiel und katapultiert so die höheren Stimmen von Cello und Saxophon nach vorne. Seine treibende Energie gleicht einem straff gespannten Gummiband – elastisch, nachgiebig, flexibel, aber immer mit genügend Zugfestigkeit, um wie ein Trampolin zurückzuspringen, wie es in den Liner Notes heißt. Und Stewart erhält zudem reichlich Raum, um sich zu profilieren, sei es in Duo- oder Solopassagen.

Insgesamt zeigt „Sauce for the Goose“, dass das Ballister-Projekt noch viel Potenzial birgt. Stewarts Präsenz entlockt den anderen drei Mitgliedern noch mehr Energie und lässt neue Klangkombinationen (hier und da kommt der Einsatz von Elektronik zum Tragen, und insbesondere Dave Rempis erfindet sich geradezu neu) sowie neue Dynamiken entstehen. Nach zwölf Alben sind Ballister noch lange nicht ausgereizt; die Band hat noch einiges zu bieten. Für mich sind sie nach wie vor die beste Band der Welt – zumindest, was frei improvisierte Musik angeht.

© Free Jazz Collective, Alle Texte: Martin Schray, 7.7.2026

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