Musiktipps

R.I.P. Wayne Shorter … Nachrufe …

„Riese auf Reisen“ von Tobi Müller (ZeitOnline) // „Jazz ja, aber zollfrei sollte er sein“ von Wolfgang Sandner (FAZ) // „Der mit dem Saxofon malte“ von Harry Nutt (FR).


Der Saxofonist Wayne Shorter hat die Freiheit des Jazz stets als Ansporn zum kompositorischen Wagemut verstanden, nie zur Zerstörung. Nun ist er gestorben. Ein Nachruf. Von Tobi Müller

Es gab keinen Musiker, den Miles Davis lange bitten musste, in seine Band zu kommen. Außer Wayne Shorter. Shorter spielte beim Schlagzeuger und Szenelehrer Art Blakey, wurde sein Kapellmeister, weil er mehr wusste und bessere Arrangements schrieb als alle anderen. Außerdem beherrschte er am Tenorsaxofon alles: Er konnte die vom jazzigen Rhythm ’n‘ Blues und Hardbop gestählten Muskeln flexen, einen Song bis auf den Berg tragen und sicher wieder herunterbringen, und er konnte die Höhenflüge eines John Coltrane, dessen indirekter Nachfolger Shorter in Davis‘ zweitem Quintett wurde, nachvollziehen. Das gelang damals, Mitte der Sechzigerjahre, kaum jemandem.

Davis ärgerte Blakey mit Telefonanrufen hinter der Bühne bei Konzerten. Erfolg hatte sein Werben um Shorter aber erst dank der beiden Geheimwaffen in seinem zweiten Quintett: des quecksilbrigen Schlagzeugers Tony Williams und des jungen Stars am Piano, Herbie Hancock. Nun komm rum, Mann! Im Herbst 1964 war Shorter schließlich dabei, und zwar bei den ersten Berliner Jazztagen. Darauf folgten sechs enorm produktive Jahre, nicht nur mit Davis. Und das war erst der Anfang für den 1933 in Newark geborenen und in New York ausgebildeten, auf der Bühne ruhigen, im Studio lustigen Shorter.



© ZeitOnline, Kultur, 3.3.2023


„Jazz ja, aber zollfrei sollte er sein“ Von Wolfgang Sandner

Selbst Miles Davis hatte nichts an ihm auszusetzen: Wayne Shorter, einer der letzten ganz großen Jazz-Saxophonisten, ist gestorben.

Mit den Füßen wippen: Das kennt man vom Jazz. Für die Musiker wie die Hörer scheint es nichts Natürlicheres zu geben, als den Rhythmus sofort in die Glieder fahren zu lassen. Das stammt aus Afrika, wo Musik und Tanz einst nicht voneinander zu trennen waren. Wayne Shorter, der große Improvisator, Komponist und Jazz-Denker mit dem Saxophon, besaß seine eigenen Ansichten übers Fußwippen: Man solle es lassen; denn es gehöre in eine bestimmte Zeit, die Swing-Ära, und es behindere die Phantasie. Die Vorstellungskraft könne sich nicht entfalten, wenn man sich wie ein Metronom verhalte. Ähnliche Ansichten äußerte Wayne Shorter auch über Harmonien im Jazz und berief sich dabei auf den großen Charlie Parker, der beim Unterricht von besorgten Schülern gefragt wurde, ob man all diese komplexen Akkorde im Kopf haben müsse. Parker sagte: „Ja, an alle muss man sich erinnern, um sie danach wieder zu vergessen.“



© FAZ, Feuilleton, 3.3.23


„Der mit dem Saxofon malte“ Von Harry Nutt

Wer „Birdland“ von Weather Report einmal gehört hat, dem geht es als Jahrhundertstück nicht mehr aus dem Kopf. Das Bass-Riff von Jaco Pastorius gibt den Takt vor, das Tenorsaxofon von Wayne Shorter die Melodie, und danach wird es von Keyboarder Joe Zawinul gewissermaßen in seine Einzelteile zerlegt. Die Einfachheit populärer Musik wird hier auf unmittelbar berührende Wiese von herausragenden Solisten mit der Komplexität des Jazz verknüpft – intensiv treibend, spielerisch abschweifend und doch erstaunlich geradlinig.

Wayne Shorter, der Österreicher Joe Zawinul und der Percussionist Airto Moreira hatten bereits in der Band von Miles Davis und auf dessen einflussreichen Album „Bitches Brew“ gespielt. Davis hatte Wayne Shorter kurzerhand als neuen Charlie Parker gepriesen, und natürlich war „Birdland“ auch eine Reverenz.

Zur Gründungsformation der nach der Trennung von Miles Davis ins Leben gerufenen Weather Report gehörten der Schlagzeuger Alphonse Mouson und der Bassist Miroslav Vitous, Jaco Pastorius stieß erst später zu Live-Auftritten hinzu, allesamt Solisten, die den Jazz und seine Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt haben. Weit mehr als die letzten Alben von Miles Davis haben Weather Report das, was seit Beginn der 70er-Jahre Fusion genannt und oft auch geschmäht wurde, eine Richtung gegeben, und Wayne Shorter und Joe Zawinul waren dabei zugleich Komponisten, Arrangeure und detailverliebte Frickler an ihren Instrumenten.



© Frankfurter Rundschau, Kultur, 3.3.2023

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