Tocotronic: Ein unentschlossener Seitenscheitel
Warum bloß sind die traurigen Männer in Deutschland so glücklich, wenn sie jetzt wieder ein neues Album der Band Tocotronic hören können? Von Sophie Passmann.
Sollten Tocotronic irgendwann entscheiden, sich auflösen zu wollen, wird das deutsche Feuilleton das zu verhindern wissen, entweder durch Waffengewalt oder einen offenen Brief oder aber dadurch, dass Feuilletonisten die Tocotronic-Mitglieder nach und nach selbst ersetzen. Der Literaturkritiker, der auf Partys gerne erzählt, dass Dirk von Lotzow „schon ganz groß texten kann“, würde seinen Bass aus dem Keller holen („verlernt man ja nicht“), und der Musikkritiker würde ins Mikrofon nuscheln, bis ihm die natürlich immer noch recht langen Haare ins Gesicht fallen.
Diese Band steht für ein sehr exaktes Lebensgefühl, das mit Traurigkeit, Tanzflächen und teenage angst zu tun hat, und das Allerlangweiligste und das Allervorhersehbarste wäre natürlich, das jetzt aus Prinzip doof zu finden. Vor allem aber muss man nicht noch mal all die richtigen und deswegen völlig irrelevanten Dinge über den sogenannten Sound dieser Band schreiben, das neue Album klingt für jemanden, der jung und eine Frau ist und deswegen nicht zur Kernzielgruppe dieser Traurigkeit gehört, halt exakt so großartig und verwirrend, wie so ein Album klingen soll. Viel wichtiger scheint doch, dass wir als Gesellschaft endlich mal an den Punkt kommen, an dem wir in einer Debatte, die gerne auch „hart in der Sache, aber bitte verbindlich im Ton“ ist, die Frage beantworten können: Was zur Hölle macht die traurigen Männer in Deutschland so glücklich über Tocotronic?
© Zeit Online, Kultur, 2.2.2022
warum sollte ich tocotronic hören, wenn ich doch die sterne habe, wenn ich ein stück brauche, das diese wehleidigen generationen beschreibt.