UKJazznews Musiktipp: Paul Dunmall – Afraid To Speak / Discus Music
Von Kevin Whitlock. Der unglaublich produktive britische Saxophonist Paul Dunmall – der letzten Monat seinen 73. Geburtstag feierte und sich offenbar in einem jährlichen Wettstreit mit der japanischen Pianistin Satoko Fujii befindet, wer in einem bestimmten Jahr die meisten Alben veröffentlichen kann – war in letzter Zeit selbst für seine Verhältnisse ungewöhnlich aktiv.
Dunmall hat seit fast zwei Jahren eine Reihe starker Alben auf Martin Archers Label „Discus Music“ veröffentlicht, doch auf Afraid To Speak, seiner neuen Veröffentlichung für das in Sheffield ansässige Label, wendet er sich von den Großbesetzungs-Kompositionen ab, die einen Großteil seiner jüngsten Arbeit geprägt haben, und wendet sich der spontanen Improvisation in kleinen Ensembles zu.
Hier hat er eine hochkarätige Truppe aus bewährten Musikern und Freunden für eine frei improvisierte Session zusammengestellt: Zu den Mitgliedern zählen Steven Saunders (E-Gitarre), Corey Mwamba (Vibraphon), Dave Kane (Bass) und Miles Levin (Schlagzeug), wobei Xhosa Cole (Konzerflöte, Piccoloflöte) auf einem Titel mitwirkt. Dunmall selbst spielt Tenor- und C-Sopransaxophon sowie B-Klarinette. Das Sextett kam im vergangenen August zu einer eintägigen Session zusammen, aus der fünf Stücke mit einer Gesamtlänge von 62 Minuten hervorgingen.
Falls euch die Begriffe „frei“ und „Improvisation“ (vor allem in solcher Nähe zueinander) beunruhigen, dann macht euch keine Sorgen. Schon in den ersten Minuten des Eröffnungsstücks „I am afraid to speak“, in dem sich Dunmall von seiner lyrischsten Seite zeigt, wird klar, dass Afraid to Speak tatsächlich eine zugängliche – ja sogar warmherzige – Session ist, die manchmal seltsam an das Art Ensemble of Chicago in seinen zugänglichsten Momenten erinnert.
Mwamba, der auch als Co-Produzent genannt wird, ist hier die herausragende Persönlichkeit: Er verleiht dem ohnehin schon wunderbar ausdrucksstarken Spiel des Bandleaders Tiefe, Stimmung und Textur und schöpft die gesamte Klangpalette seines Vibraphons aus, von verträumten Schimmern bis hin zu perkussiven Akzenten; Doch auch Saunders’ Gitarrenspiel (mal lyrisch, mal kantig und eckig) glänzt und festigt seinen Ruf als einer der besten jungen Jazzgitarristen Großbritanniens; und die Rhythmusgruppe Levin/Kane liefert die perfekte Grundlage: Sie ist unaufdringlich und zurückhaltend, scheut sich nicht, den anderen freien Lauf zu lassen, doch man würde sie vermissen, wenn sie nicht da wäre.
Zu diesem geschickten und aufnahmefähigen Kern gesellt sich Xhosa Cole, der beim epischen Schlussstück „Narendra“ als Gast an Flöte und Piccoloflöte mitwirkt und sich wunderbar mit Dunmalls Klarinette verbindet, während beide gemeinsam in Technicolor erblühen.
© UKJazznews, Texte: Kevin Whitlock, 24.6.2026