Best of 2023Best Of The Years

Best of 2023: Harry Lachner

And not a drop of venom wasted… Das Jahr 2023 in wiederholbaren Klängen. Ein Blick zurück also – auf ein Jahr des Hörens, eine Befragung der stationären und mobilen Festplatten…

… ein Streifzug entlang der Regale oder auch einfach nur die vergebliche Suche nach Erinnertem, das seine Strahlkraft verloren hat. Der Griff zur Musik gerät nicht selten zur Flucht, die angesichts der Wirklichkeit aber nicht gelingen will; denn dazu wird sie nur unter der Einwirkung maximaler Verblendung in der Lage sein. Man täte dieser Kunstform also Unrecht, sie auf das Moment einer intellektuellen und emotionalen Zuflucht zu reduzieren. Dabei bietet Musik einen eigenen, allseits offenen Raum, den man jederzeit wieder verlassen kann – vielleicht mit einem leisen Zuwachs an Erkenntnis, Glück oder Geduld; vielleicht auch entnervt, gedanken- und hörgeschädigt. Es bedarf jedenfalls keiner irgend gearteten Absicht („…ach, wie tröstlich…“), diesen Klang- und Ideenraum zu betreten.

Wo waren meine Anlaufstellen im Jahr 2023? Oft waren es jene Neuerscheinungen, die ein Versprechen auf ästhetisches Risiko einlösten; die von formaler Klugheit oder vom Konzept einer reflektierten Freiheit sprachen. Und da waren noch jene, die einer hinreichend fragmentierten Klangwelt immer noch neue Impulse vermitteln konnten.

Neben diesen neuen Alben aus verschiedenen Genres ging der Griff über das Jahr hinweg immer wieder zu Sammlungen aus dem „notierten“ Bereich, die Fixpunkte für ständiges Wiederhören oder Infragestellen boten. Wie etwa die 9-CD-Box „Masterworks“ von György Ligeti (Sony Classical), ein verlässlicher Begleiter seit Jahren; oder das Gesamtwerk von Toru Takemitsu: „Complete Takemitsu Edition“ (Shogakukan) sowie die Anthologie „Alpha & Omega“ (Accord) mit Werken von Iannis Xenakis. Neben diesen Anthologien wurden in den Gehörgang übergeführt:


Elliott Sharp: Occam’s Machete und Complete String Quartets: 1986-2014



Pierre Henry: Carnet de Venise (Harmonia Mundi)


Francis Dhomont: Sous le regard d’un soleil noir (Empreintes DIGITALes)


Luc Ferrari: Solitude Transit (Transversales Disques)


Rossella Spinosa: Giacinto Scelsi – 4 Illustrazioni & Suite No. 9 „Ttai“ (Tactus)


Genre- und Haltungswechsel: Jedes der folgenden Alben bietet eine andere Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Form und Freiheit:

Michael Riessler & Lorenzo Riessler: The Machine (Diva Sound)


Michael Riessler: Boujad (Diva Sound)


Satoko Fujii & Otomo Yoshihide: Perpetual Motion (Ayler Records)


Wadada Leo Smith: Fire Illuminations (Kabell Records)


Henry Threadgill Ensemble: The Other One (Pi Recordings)


Brandon Ross: Of Sight and Sound (Sunnyside)


Jin Hi Kim: Komunguitar (Reissue)


Derek Bailey & Paul Motian: Duo in Concert (Frozen Reeds)


John Zorn: Spinoza (Tzadik)


Mal lärmig, verspielt delirant, absurd zersplittert und zerfahren, dann wieder von einer geradezu asketischen Strenge. Das waren die am häufigsten gespielten Alben aus dem Bereich, der weder gänzlich hochkulturell notiert noch freigeistig improvisiert ist; im Gestus oftmals vertraut, in der aktuellen Erscheinungsform dann aber durchaus überraschend:

Pere Ubu: Trouble On Big Beat Street (Cherry Red)


Xiu Xiu: Ignore Grief (Polyvinyl Record Company)


Frank Zappa: Waka/Wazoo (Zappa Records)


The Necks: Travel (Northern Spy)


Arnold Dreyblatt: Resolve (Drag City)


Oxbow: Love’s Holiday (Ipecac Recordings)


Khanate: To Be Cruel (Sacred Bones Records)


Merzbow: CATalysis (Elevator Bath eeaoa065)


Stephen O’Malley, Anthony Pateras: Sept duos pour guitar acoustique et piano préparé. (Shelter Press)


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