Cedric Burnside „Der andere Blues“ Ein Porträt von Jonathan Fischer
Cedric Burnside ist der Star des North Mississippi Hill Country Blues, dem man die musikalischen Verbindungen nach Westafrika anhört. Eine transatlantische Annäherung.
Frostige Windböen wehen über das Ufergelände des Mighty Mississippi Music Festivals in Greenville in Mississippi, ein Jahr bevor Corona sogar den Blues anhalten wird. Ein paar Dutzend Fans in Gummistiefeln und Regenschirmen drängen sich trotz der Witterung vor der Open-Air-Bühne, wo Cedric Burnsides Trio seine Art Lagerfeuer entfacht: ein archaisch anmutendes Riff von der einen Gitarre, von einer anderen darüber Drones, unvorhersehbare Slide-Eruptionen zwischen Klage und Schrei. Angetrieben aber wird die Musik vom Schlagwerk des Bandleaders Burnside. Seine manischen, bis zu zehnminütigen Boogie-Peitschen lauern, kreiseln, stolpern um den Beat herum. Dröhnende Verstärker verbinden das alles zu einer gewaltigen Schmutzwoge. Brutal schön. Und schön brutal. Man erinnert sich gern an diesen Auftritt in Greenville, auch und gerade deshalb, weil es nun ein neues Album von Cedric Burnside gibt und eine Livetournee in Europa noch fern ist. Burnside spielt im Moment nur in den USA schon wieder Konzerte.
„Play some blues!„, ruft in Greenville irgendwann ein älterer weißer Herr im Publikum. Man sieht es ihm nach: Die Gewalt dieser Musik sprengt alle Zwölf-Takt-Klischees. Wer auf das Wiedererkennen bekannter Akkordfolgen hofft, wird hier enttäuscht. Schließlich ist der North Mississippi Hill Country Blues kein Beruhigungsmittel und Cedric Burnside alles andere als ein Brauchtumspfleger.
© Zeit Online, Kultur, Musik, 12.7.2021