Musikgeschichte : Jass? Jasz? JAZZ!
Aus dem Rotlichtviertel aufs Grammofon: Vor 100 Jahren kam die legendäre schwarze Musik aus New Orleans zu ihrem Namen und wurde erstmals auf Schellack gebannt – von einer weißen Band.
Von Stefan Hentz
Ein Montag in Manhattan, 26. Februar 1917. Es ist Winter, der letzte, bevor die USA in den Ersten Weltkrieg eintreten. Drei Wochen zuvor hat der deutsche Kaiser Wilhelm II. den „uneingeschränkten U-Boot-Krieg“ ausgerufen und damit auch den amerikanischen Seehandel ins Visier genommen; weltweit blickt man angespannt auf den Kriegsschauplatz Europa. Die fünf Männer indes, die an diesem Tag ein Haus in der 38th Street betreten, scheinen davon gänzlich unbeeindruckt. Geschichte allerdings werden auch sie schreiben.
Die Victor Talking Machine Company, einer der großen Player der Tonträger-Industrie, hat in der 38. Straße ein Aufnahmestudio eingerichtet, einen Raum mit einem Klavier sowie einem metergroßen Metalltrichter, durch den die Schwingung von Tönen umgesetzt wird in die Bewegung einer Nadel, die Muster in eine gleichmäßig rotierende Wachsplatte ritzt. Die fünf Männer sind Musiker: Trompete, Klarinette und Posaune, Schlagzeug, einer setzt sich ans Klavier. Gemeinsam sind sie die Original Dixieland Jass Band (ODJB)…
© DIE ZEIT Nr. 9/2017, 23. Februar 2017 / Editiert am 11. März 2017