Release Date 22.8.2025 „Bunte Vielfalt“
Ich habe drei Releases ausgewählt, auf die ich näher eingehen werde. Mehr Infos zu den anderen folgen am Ende. Håker Flaten (Exit) Knarr bringt wieder eine illustre Schar an Jazzmusiker:innen, die garantiert beeindruckend klingen. Benedict Maurseth teilt mit uns ihre Faszination für die wilden Rentiere ihrer Heimat auf dem Hardangervidda-Plateau. Daniel Wilfred singt Lieder aus den Songlines der Djuwaḻpada, einer wichtigen Figur in den Träumen der Wägilak und das ist sehr bewegend.
Es ist eine Freude, den Musiker:innen von (Exit) Knarr zuzuhören. Ihre Musik klingt fast organisch, mit einer guten Balance zwischen komponierten Teilen und Improvisationen. Durch die Kombination von konventioneller Notation mit Farben, Symbolen und Zeichnungen ermöglichen grafische Partituren dem Komponisten, Parameter festzulegen, ohne die Interpretationsfreiheit der Ausführenden übermäßig einzuschränken. Die langen Tourneen, die mit vielen Konzerten verbunden sind, vereinen die Musiker:innen, die sich fast „telepathisch” verstehen. Daraus sticht für mich Marta Warelis am Klavier und Electronics hervor. Gerade im langen „Kanon” ist sie sehr eindrucksvoll. Håker Flaten versteht es, aus seinen Mitmusikern das Beste herauszuholen und die Energie, Dichte und den Fluss der Musik zu formen. So kann Free Jazz klingen, und ich liebe ihren Sound und hätte gerne mehr davon.
In Maurseths Kompositionen verbindet sich der unverwechselbare Klang der Hardangerfiedel mit Feldaufnahmen von Rentieren und anderen Tieren zu einer einzigartigen, immersiven Klanglandschaft. „Mirra” folgt dem Jahreszyklus der Rentiere – von „Kalven reiser seg” (Das Kalb steht auf) bis „Jaktmarsj” (Jagdmarsch). „Mirra” stammt aus einem alten Dialektwort aus Hardanger und beschreibt eine Rentierherde, die eng im Kreis läuft – ein Verhalten, das zum Schutz vor Raubtieren oder zur Wärmeerhaltung während der harten Winterbedingungen dient. In „Nysnø over reinlav“ sind weitere vom Aussterben bedrohte Tiere zu hören, darunter Regenbrachvogel, Großer Brachvogel, Goldregenpfeifer, Bergenten, Gerfalke, Krickente und Trauerente. Das Projekt dient auch als kritische Reflexion und macht deutlich, dass die wilden Rentiere vor allem durch die langsame, jährliche Verringerung ihres Lebensraums durch den Menschen bedroht sind.
Ihre Musik ist hypnotisch und repetitiv und von vielen Einflüssen geprägt, die nicht nur aus norwegischen Traditionen stammen. Das ist noch viel mehr. Ich lasse mich gerne von ihrer Musik auf die Hochebene der Hardangervidda führen.
Das Projekt „Hand to Earth“ von Daniel Wilfred schickt uns auf eine bewegende und transformative Reise. In „Ŋurru Wäŋa” werden Vorstellungen von Heimat, Zugehörigkeit und Entwurzelung nachgezeichnet. In den beiden Teilen des Titelsongs intoniert Sunny Kim die Worte des Gedichts Another Home des koreanischen Dichters Yoon Dong-ju als Kontrapunkt zu Daniel Wilfredes Lied, das in der Sprache der Wägilak gesungen wird. „Ŋurru Wäŋa“ (ausgesprochen „Wooroo Wanga“) bedeutet „der Duft der Heimat“. Während wir reisen, sehnen wir uns nach diesem Duft. Wir passieren die Biene „guku“, die den Buschhonig herstellt, während die Krähe über uns kreist und ruft. Dazwischen erinnern schwebende Drones und undurchdringliche Laute an eine andere Zeit, einen anderen Ort, weit entfernt, etwas Mystisches. Es ist eine magische und tief bewegende Reise in eine andere Welt – eine Welt, nach der wir alle streben sollten.
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