Cuneiform: Richard Pinhas + Tatusya Yoshida + Masami Akita: Process and Reality / Dieses Wochenende für Five
Drei Gründerväter der experimentellen Musik bündeln ihre Kräfte, um auf „Process and Reality“ eine unheilvolle Serenade für eine Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs zu zaubern – ein einstündiger Wirbelwind aus pessimistischen Prophezeiungen, der sich in einen berauschenden Klangmonolithen verwandelt.
Der Grenzen sprengende Gitarrist Richard Pinhas, Gründer der einflussreichen französischen Elektronik-Rock-Band Heldon, tut sich mit zwei Ikonen der japanischen Avantgarde zusammen – dem Schlagzeuger Tatsuya Yoshida, dem Mastermind der Warped-Prog-Legenden Ruins, Koenjihyakkei und Korekyojinn, sowie Masami Akita, alias Noise-Guru Merzbow –, um ein brutal ehrliches, politisch brisantes und klanglich turbulentes Spiegelbild der letzten Atemzüge des Industriezeitalters zu beschwören.
„Process and Reality“ markiert die erste gemeinsame Aufnahme dieser drei Avant-Rock-Giganten, obwohl Pinhas bereits in der Vergangenheit sowohl mit Yoshida als auch mit Merzbow aufgenommen hat und alle drei gemeinsam ausgiebig in Japan auf Tournee waren. Das Album, das während einer kürzlich stattgefundenen, vielbeachteten Tournee in Tokio aufgenommen wurde, fängt die fieberhafte Intensität und die gewaltsam strukturierte Tiefe der gemeinsamen Improvisationen des Trios ein.
Pinhas’ aggressive, explosive Musik wurde schon immer durch ihre philosophische Ausrichtung auf die Spitze getrieben. „Process and Reality“ hat seinen Namen von einem einflussreichen Buch des englischen Mathematikers und Philosophen Alfred North Whitehead aus dem Jahr 1929, das die Realität als einen kontinuierlichen Prozess des Werdens postuliert. Das ist eine treffende Zusammenfassung der Musik von Pinhas, Yoshida und Akita, die in einem ständigen Zustand sowohl turbulenter Veränderung als auch viszeraler Verwirklichung brodelt und wogt.
Die düsteren Aussichten, die die Musik auf „Process and Reality“ verkörpert, werden auf dem Cover, das einem Cyberpunk-Roman würdig ist, eindrucksvoll dargestellt: Ein Öltanker dient dabei als Symbol für die verfallende postindustrielle Zukunft. Entworfen wurde es von Patrick Jelin, dem begabten Designer, der auch für die Cover der klassischen Heldon-Alben „Interface“ (1977) und „Stand By“ (1979) sowie für Pinhas’ Soloalbum „Iceland“ aus dem Jahr 1979 verantwortlich war.
Falls das für einen Abend zum Musikhören alles zu düster ist, sieht Pinhas das Album auch als Hommage an seine geschätzte Freundschaft mit diesen japanischen Künstlern. „Japan ist die beste Szene der Welt“, bekräftigt er, und obwohl er für 2017 eine radikale Veränderung seines Sounds voraussieht, fügt er hinzu: „Ich werde immer mit meinen Freunden von jeher zusammenarbeiten.“ © Alle Texte: Cuneiform
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