David Murray „Seriana Promethea“: Freiheit im Klangraum. Von Hans-Jürgen Linke.
Die eng und weglos gewordene Welt während der internationalen Corona-Lockdowns und Öffentlichkeits-Vermeidungen waren der mentale Hintergrund für die Wahl des Namens „Brave New World Trio“.
Er spielt an auf Aldous Huxleys dystopischen Roman, der wiederum aus Shakespeares „Der Sturm“ zitiert („Wie schön der Mensch ist! O Schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“). David Murray setzt den Namen und die musikalische Praxis seines Trios gegen Unfreiheit: Jazz braucht Bewegungsfreiheit, musikalisch wie sozial; Jazz macht nicht mit beim Kreieren von Weltverschwörungstheorien, sondern produziert Auswege und Lösungen im reflektierenden Rückgriff auf bewährte Tugenden.
David Murray ist einer der großen Vertreter des afroamerikanischen Free Jazz. Der Reichtum und die Raffinesse seiner Artikulationsweisen an Bassklarinette und Tenorsaxofon sind frappierend und ungebrochen. Souverän und subtil zugleich spielt er mit den Volumina, zu denen seine Tongebung fähig ist, mit einem unerhört präzise gestalteten Obertonreichtum, einem unglaublich feinsinnigen Vibrato, das mal wie ein davonwehender Nachhall eingesetzt wird, mal mit metrischer Genauigkeit im Groove pulsiert. Überblas-Passagen sind keine ekstatischen Ausbrüche, sondern wohlkalkulierte, fein geschliffene und vollendet beherrschte Erweiterungen des tonalen und klanglichen Raumes.
© Frankfurter Rundschau, Kultur, Musik, 15.8.2022